Tourtagebuch Reloaded – 27.09.2007 Recklinghausen, Bildungszentrum des Handels

Zweiter Auftritt nach dem Wundlauf. Daheim liegen angeknabberte Berge aufgestauter Papiere und Aufgaben, immer noch nicht abgetragen. Neben mir auf dem Autositz liegen CDs von der Fahrt, Bemusterungsmusik, ich werde immer noch in Fluten bemustert, auch wenn ich “nur noch” selbständiger Journalist bin. Es regnet, dicke Tropfen prasseln auf das Dach, ich telefoniere mit meiner Süßen, werfe skeptische Blicke auf das Gebäude. Ein Neubau hinter dem kleinen Bahnhof, sauber wie ein Skalpell von Dr. Burke, darin eine Art Hörsaal mit Pult und riesiger Leinwand, Stuhlreihen wie bei einem Vortrag von Dr. Olaf Henkel. Auf den Plakaten steht auch tatsächlich “Vortrag”, ich bin der einzige Geschichtenerzähler in einer Reihe schnieker Wirtschaftsautoren und Enthüllungsexperten. Ich erinnere mich an meinen Onkel Dieter, der für mich in allem ein Vorbild an männlichem Überblick war, der segeln, kochen und verhandeln konnte und jeden Morgen um 7 Uhr aus dem Bett sprang, wenn wir nach einer Nacht im Partykeller noch in den Kissen lagen. Onkel Dieter las Kafka und Shakespeare, aber er als auch Grisham und Ridpath und eben Bücher wie “Nieten in Nadelstreifen” von Günter Ogger. Solche Oggers lesen sonst hier in diesem Saal, der so hell erleuchtet ist wie ein Verhörzimmer und heute lese ich.

Der Vorteil an solchen Orten ist die Professionalität. Beamer, Sound, Computer, Betreuung, alles super. Burkhard ist da, alte Bekannte, neue Bekannte. Joachim Feldmann von Am Erker, der großartigen Literaturzeitschrift, die jetzt 30 geworden ist, so alt wie ich. Frau Musial, die Buchhändlerin, die alles organisiert hat, hält eine kleine Rede über die Vortragsreihe zu “gesellschaftspolitischen Themen”. “Gesellschaftspolitische Themen, das würde doch auch irgendwie auf mich passen”, sagt sie. Also halte ich meinen Vortrag, zeige Dias vom Wundlauf, zeige Regeln aus der WG, lese auch mal was, fabuliere aber vor allem viel und wähle spontan “Gartenzwerge” aus Voll beschäftigt mit Hartmuts Vorlesung an der Uni (schließlich habe ich ein Pult) sowie “Und um uns tanzte der Lump” aus Hartmut und ich (schließlich sind wir in Recklinghausen und dort fand Hannos Konzert aus der Geschichte damals statt). Das Publikum schmeißt sich weg, ein Sicherheitsmann mit Schnauzer steht vollkommen regungslos vor der Tür und schließt gegen Mitternacht vollkommen regungslos ab, nachdem Joachim, Burkhard und ich noch eine halbe Stunde mit kalter Pizza vom frühen Abend auf den Stühlen der ersten Reihe gesessen haben wie Studenten, die nach der letzten Vorlesung ihres Lebens einfach nicht in die kalte Realität hinaus wollen. Irgendwann müssen wir aber doch und ich stehe noch mit Burkhard am Auto, Nieselregen auf uns, Dunkelheit, kalte Realität. Wenig später ist Burkhard weg, ich gehe zum Auto, schaue noch mal an dem Riesengebäude hoch. Der dunkle Hörsaal wirkt, als wäre dort nichts gewesen. Ums Eck schleicht der Sicherheitsmann davon und schlägt den Kragen hoch.

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