Tourtagebuch Reloaded – 12.10.2007 Selm, Buchhandlung Möller

“Wissen Sie, wo ich jetzt sein könnte?” frage ich, als ich in der kleinen Buchhandlung in der Alstadt von Selm meinen Auftritt beginne. “In Frankfurt auf dem Fest des Fischer-Verlages. All da – Roger Willemsen, Heidenreich, Schmidt. Schickimicki, tolles Essen, eimerweise Koks. Und wo bin ich? In Selm!” Jubel, Applaus. Ich meine das ja auch so. Ich bin lieber in Selm als in der Schickeria, lieber zwischen Herrn Möllers komplett selbstgebauten Buchregalen, die gar keine klassischen Regale sind, sondern schräge Präsentationsfächer, so dass alle Bücher mit dem Cover nach vorne stehen. Von gegenüber schleicht oranges Licht über das alte Pflaster, eine Gaststätte in einem großen Fachwerkhaus, die Altstadt von Selm wirkt wie ein schummriges mittelalterliches Idyll aus Spielen wie “Lure Of The Temptress“. Herr Möller hat alle Regale selbst gebaut und ich lobe ihn dafür während des Auftritts, wann immer die Sprache auf Hausbau und gute Männlichkeit kommt. Herr Möller stand vor Beginn mit mir und Heinz Cymontkowski im Rund, seufzte und sagte: “Ich erwarte im Leben gar nichts mehr.” Er meinte das nicht pessimistisch, sondern als Abwesenheit falscher Vorstellungen, die einen nur enttäuschen. Er muss Die Kunst der Resignation von Franz Josef Wetz gelesen haben. Er ist ein guter Mann. Heinz Cymontkowski ist auch ein guter Mann, ein Künstler mit Siegmund-artigem Bart, der in Selm lebt und weder Computer noch Internet noch Fernsehen noch Radio noch Festnetz sein eigen nennt. Mobilnummer, Briefe, Postkarten und Zettel genügen ihm und seinen Kunden auch, denn Heinz ist achtsam, genau und pünktlich, gerade weil er den Overload vermeidet. Er hat Ateliers in Lünen, Bremen und im Teufelsmoor, er schenkt mir eine Postkarte, auf der ein altes Fachwerkhaus Marke “Wandelgermanen” zu sehen ist, das er sich im Teufelsmoor ausbaute. In Frankfurt auf dem Fischer-Fest würde ich jetzt Sekt trinken und nicht wissen, was ich Joachim Unseld beim Warten neben dem Klo sagen soll, hier treffe ich einen fatalistisch-glücklichen Buchhändler im 20. Geschäftsjahr, der seine Regale selber baut und einen langbärtigen, technikfreien Künstler, der seine Moorhäuser selber baut. Hier gehöre ich hin. Die 30 Anwesenden sehen das genauso, gehen toll auf die Story ein, stellen sogar Fragen und geben mir ein tolles Wohnzimmer- und Clubkonzert-Gefühl. Um Mitternacht steige ich ins Auto und fahre nach Frankfurt, in Vorfreude auf leere Autobahnen und zu beobachtende LKW-Fahrer auf nächtlichen Rasthöfen.

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