Tourtagebuch Reloaded – 13.10.2007 Frankfurter Buchmesse 2007

“Autobahn geht nicht.” Seit der Kerner-Runde mit Eva Herman, der – Originalzitat Henryk M. Broder – “längsten öffentlichen Antifa-Sitzung im deutschen Fernsehen” ist das ein geflügeltes Wort. “Autobahn geht nicht.” Nahezu unheimlich wird es, wenn man sich vor Augen führt, dass dieser empörte Ausruf von “ich krieg Atemnot”-Schreinemakers am Buchmessenwochenende wörtlich Wahrheit wurde. Autobahn ging nicht. Und was auf der Hinfahrt schon zu ahnen war, wurde auf dem Rückweg Gewissheit. Doch immer der Reihe nach…

Hinfahrt.
2 Uhr nachts.
Die Autobahn ist in einem gruseligen Zustand, denn ständig tauchen wie aus dem Nichts gigantische Schwertransporte auf. Sie schälen sich viel zu spät aus dem Dunkel, wie Fahrzeuge oder Monster in Videospielen, die wegen eines schwachen Prozessors erst dann generiert werden, wenn sie bereits einen Meter vor einem stehen. Die meisten von ihnen schieben sich auf der Gegenspur entgegen, es sind kilometerlange Kolonnen breiter Ungetüme mit kleinen Begleitfahrzeugen, die grelles Alarmlicht in die Nacht streuen. Ich kann nicht erkennen, was genau sie transportieren, aber es sind so viele, dass sie schon die komplette Brooklyn Bridge nach Köln verfrachten müssten. Oder ein Raumschiff, was geheim bleibt, da auf der Autobahn keine Passanten sind und sämtliche Verkehrsteilnehmer wegen des grellen Lichts sowieso nichts erkennen. Am schlimmsten sind aber die Schwertransporte auf der eigenen Fahrbahn. Man sieht zwar das kleine Begleitfahrzeug mit seinem hellen “Vorsicht: Schwertransport!”-Schild, wundert sich beim Überholen dann aber doch, dass ein derart breiter Kampfbagger auf dem Tieflader steht, dass seine Wangenflügel aus Stahl bis fast über das eigene Autodach rüberreichen, als gebe einem der Gigant beim Überholen mit einer fingerlosen Hand aus Stahl den Segen. Um wach zu bleiben und weil mir derart stumpfes Klischeezeug eine Menge Spaß macht, höre ich “Fire From The Tomb” von War Of Ages, einer Metalcore-Band des amerikanischen Labels Facedown Records, die mir ihre Platten schicken, seit ich mich in VISIONS einmal verständnisvoll gegenüber dem Brutalo-Mosh-Core der Neuzeit und seiner kathartischen Kriegsspiele geäußert habe. Die Platte besteht nur aus Breakdowns, Metal-Licks und hooliganesken Slogans, hat einen Sound wie der dritte Weltkrieg und enthält mit “Only The Strong Survive” den unfreiwilligen Soundtrack zu Autobahn und Buchmesse. Ich stelle mir vor, wie Leroy Hamp von War Of Ages bei Johannes B. Kerner sitzt, neben ihm Nena, die Sängerin von Silbermond und Michael Mittermaier. Gerade hat Kerner den Mann 50 Minuten lang aufgefordert, zu widerrufen, da springt das Silbermöndchen auf und sagt: “Nein, ‘only the strong survive’ geht nicht. Das geht nicht. Ich kriege Schnappatmung. Ich gehe.”

Messe.
17 Uhr nachmittags.
Ich denke an Leroy Hamp und wie er “Only the strong survive” brüllt. Ich stehe am Interviewstand von 3Sat, wo Richard Dawkins interviewt wird, Darwinist und Guru der radikalen Atheisten und Naturalisten, also derer, die ausschließlich an die Wissenschaft als Instrument der Erkenntnis und moralischen Taktgeber glauben. Kürzlich ist sein Buch Der Gotteswahn auf Deutsch erschienen und der Moderator spricht mit ihm über seine Idee vom Glauben als Virus, der nahezu jeden Kopf befällt. In seinem bislang populärsten Buch Das egoistische Gen hatte Dawkins den Begriff des Mems erfunden und so den Darwinismus auf die Kultur übertragen. So, wie sich gewisse Gene durchsetzen, setzen sich auch Meme durch, also Begriffseinheiten, Vorstellungen, Melodien, Motive, Symbole, Plotstrukturen etc… Eine streitbare Theorie, da sie außer acht lassen muss, dass nicht jedes Buch, jedes Lied oder jedes Denkmodell am “Markt” dieselben Chancen haben, gehört zu werden, aber eine Theorie, die man im Hinterkopf hat, wenn man eine Buchmesse besucht. Für den, der hinschaut, der sich auskennt und der selber in dem Betrieb arbeitet und kämpft, ist das alles ein Schachspiel, dessen Aufstellung man lesen kann. Die großen Verlage mit ihren gigantischen Inseln und die guten, seriösen “Independents”, die sich u.a. durch die eigene Messezeitung “Viereins” sowie eigene Veranstaltungsreihen zusammenschließen und als coole Undergroundkultur etablieren, für die im Kleinen das gleiche gilt wie für die Major-Label im Großen: auch hierzu hat nicht jeder Zugang. Kein Mairisch Verlag, kein Blumenbar, kein Voland & Quist, kein Rotbuch und kein Kookbooks nimmt die Manuskripte von jedem Deppen, der vorbeikommt, bloß, weil sie die guten Indies sind. Keine x-beliebigen Blogger schreiben in der Indie-Messezeitung, sondern etablierte Köpfe wie Dietmar Dath oder Guy Helminger. Die Indies verlegen und pflegen, was sich nicht 100.000 Mal verkaufen kann, weil es zu abseitig und eigen ist. Sie etablieren eine eigene, wichtige Kultur, die genauso viele Zugangsbeschränkungen hat wie die Großindustrie, nur dass die Beschränkung hier nicht monetär gedacht ist. Die Indies sind wählerisch. Die Indies sind nicht die Heilsarmee. Die findet sich eher dort, wo groß “Autoren gesucht” über den Ständen steht, bei den Zuschussverlagen. Windigen Gemischtwarenläden, die überhaupt keine Kultur verkörpern, weder eine Mainstream- noch eine Subkultur. Sie sind die Verlag gewordenen Klebestreifen, die mit Lockstoffen Fliegen anziehen, auf dass sie hängen bleiben und elendig verrecken. Die Fliegen sind naive Naturlyriker, Betroffenheitsprosaisten und Autobiografen, die endlich ihr Buch im Handel sehen wollen, alle seriösen Verlage nur als böse Menschen sehen, die ihr Talent verkennen und dann viel Geld bei den Parasiten lassen, die ihnen zwar eine Veröffentlichung, ein Lektorat und eine ISBN-Nummer garantieren, ansonsten aber keinen Zugang zum Markt, zu Ladenflächen oder zu Redaktionen haben. Für die Majors wie für die guten Indies sind sie die Zeugen Jehovas des Verlagswesens, für die Presse nicht existent. Das absolute Gegenteil dann in Halle 8, Marktplatz der internationalen Verlage. Hier lernt der interessierte Mensch, dass es vor allem in den USA kaum Verlage gibt, die Prosa verlegen. Auf jeden Roman kommen hier 99 Lebensratgeber, kein Markt der Welt lebt so von Selbsthilfe, Psychologie und dem Streben nach Glück. Die Romane versammeln sich fast alle bei HarperCollins, dem US-Giganten, dessen Stand allein so groß ist wie die Stadt Selm und an dessen Desk die Deskdamen freundlich aber bestimmt jede Anfrage nach einem realen Ansprechpartner im Verlag ablehnen – “wir lassen uns ausschließlich von Agenten kontaktieren, niemals von Autoren.” Dabei will ich doch nur mal wissen, ob eine Geschichte wie “Hartmut und ich”, die ich in perfekt vernuscheltem Ami-Englisch als “Seinfeld meets The Big Lebowski” vorstelle, in den Staaten überhaupt eine Chance hätte. Man kann ja wohl mal fragen. Kann man aber nicht, nicht bei HarperCollins, die 5×5 Meter große Plakate ihrer millionenschwereb Thriller-Autoren aufhängen, persönliche Anfragen aber nach 2 Minuten mit Security beantworten. Also nerve ich die amerikanischen Indies, die es auch gibt, sie sagen alle “thank you very much” und “amazing”, aber das sagen Amerikaner ja immer, wenn sie nicht gerade bombardiert werden.

Was ich eigentlich auf der Buchmesse gemacht habe, verrate ich natürlich nicht. Niemand verrät seine eigentlichen Geschäfte, die Agenten arbeiten in Halle 6 hinter verschlossenen Boxen, manche Hände werden nur so geschüttelt, andere wiederum generieren in dem Moment zig Tausend Euro. Es wird aber auch in anderen Währungen gerechnet, in Status, in Kritikerlob, in Buchpreisen, in Habitus. Während die einen wie bekloppt verkaufen und mit jeder Zeile der 200 Quadratmeter großen Bruchsteinterasse mit Blick aufs Meer näher kommen, sitzen andere auf kleinen Ledercouchen, zitieren mit ernstem Blick abgründige Verse und wissen, dass sie auch nächstes Jahr, häufig zu Recht, einen Förderpreis kriegen. Während die einen den deutschen Buchpreis oder den Aspekte-Preis abräumen, sind die anderen Kultfiguren eines Undergrounds mit eigenen Regeln. Es geht um Raum, der erkämpft werden muss, um Zeitungsspalten und TV-Minuten, um eine Trennung zwischen den Abteilungen “Literatur” und “Unterhaltung” innerhalb der Verlage und der Wahrnehmung der “Multiplikatoren”, wie so nur noch in Deutschland existiert. Eine Messe, die 10 Hallen groß ist, ist immer noch “nur” die Spitze des Eisberges, das Treffen derer, die Überwasser haben, weil sie bereits auf dem Markt sind. Da, wo das Wasser an den Berg schlägt, wachsen die Zuschuss- und Kleinstverlage, die niemand von den anderen ernst nimmt, aber unter dem Wasser, da geht die Menge derer in die Breite, die überhaupt erst mal übers Wasser wollen, Monolithen, gebildet aus Gigatonnen von Schubladenmanuskripten, mangelndem Wissen über die Szene und falscher Erwartungen. Es sind alles lange Wege…

Rückfahrt.
20 Uhr abends.
Ich stehe. 90 Minuten habe ich gebraucht, um Frankfurt zu entkommen. Volle Autobahnen auf allen Seiten, volle Ausfahrtstraßen, sogar der Schleichweg durch ein düsteres Wohnviertel endete damit, dass plötzlich Schluss war. Absperrung aller Straßen des quadratischen Rasters, Depressionen auf seiten meines Navigators, alles zu. Jetzt stehe ich auf einer schmalen Bundesstraße vor Idstein, links von mir ein Tal, rechts Wald, vor und hinter mir Autos, ein endloses gelbes Band. Ab und an dreht ein Verzweifelter mitten auf der schmalen Passtraße um, weil er das Stehen nicht mehr aushält. Ich höre einen beschissenen Populärsender, wie sie bundesweit gleich sind, “der beste Mix”, totalitäres Dogma der immergleichen Playlist, mieseste Art darwinistischer Selektion, ich höre nach, wie die Verkehrslage ist, dann lege ich wieder War Of Ages ein… rattattatazong, zong zong zong zong, zong zong zong zong, zong zong zong zong, “stand your ground!” Grunz! Ich kann nicht weg, bekomme klaustrophobische Züge, schreie, spucke, verzweifle. Das Auto ist alt, es wird heiß in so einer Lage, die Bremsklötze halten das nicht aus. Ich habe nunmal keinen Nissan X-Trail unterm Arsch, der locker lächelnd bei 12% Gefälle 3 Stunden am Hang steht und dabei James Blunt aushält, ich habe einen alten Wagen und bin damit im Nachteil. Only the strong survive…

Es ist bereits stockdunkel, als ich abseits der Straße einen Schotterplatz vor einem Waldweg finde. Ein Auto steht schon dort, ich biege ein, ich bin das zweite. Es werden noch mehrere folgen. Menschen, die aufgeben. B 275, links daneben eine Straße hoch in ein Dorf, das zwischen verstopften Straßen eingezwängt ist. Gegen 21 Uhr geht nichts mehr. In keine Richtung. Ich habe so etwas noch nie gesehen. Wir befinden uns nicht auf einer Autobahn, sondern auf einer kleinen B-Straße am Wald. Alles steht, in beide Richtungen. Autos, Reisebusse, Lastwagen. Auf den Hügeln über uns sowie im Tal unter uns haben die Schlangen aus Licht ebenfalls jede Bewegung eingestellt, noch liegen sie wie Lichterketten um die Hügel gewunden, aber ein Birnchen nach dem anderen schaltet in der Kette ab und fügt sich seinem Schicksal. Irgendwann ist alles still und dunkel. Tausende von Autos stehen auf den Bundesstraßen nahe der A3 bei Idstein ohne Licht und schweigen. Die A3 selbst ist vollgesperrt wegen eines Lasterunfalls, auch A5 und A2 sind zu, die Bahn streikt. Ich schleiche mit Taschenlampe die pechschwarze Straße hoch ins Dorf, um einen Gasthof zu suchen, den es nicht gibt. Hunde bellen hinter Gartenzäunen und Hecken, deren Höhe und Dichte ich nicht erkennen kann. Ich mache mich bereit, gerissen zu werden. Werde ich nicht. Ich liege im Auto, die Kapuze an und döse, mit einem Auge die Straße beobachtend. Alles steht still. Ich filme mich selber in der Dunkelheit des Wagens, es wirkt wie Blairwitch Project, aber mir fallen keine guten Texte ein. Ich steige aus, laufe die Straße bis zur Hügelkuppe ab, prüfe, ob es weitergeht und wenn ja, wieweit sie kommen, bis sie wieder stehen. Ich bin so unterzuckert, dass ich Rinde esse. Autobahn geht nicht.

Gegen Mitternacht wage ich es und ich wage es mit Recht. Die Richtung Idstein ist wieder frei. In dem verwunschenen Ort finde ich ein Hotel ohne Rezeption, an dem man an einem Automaten eincheckt. Ich rufe meine Süße an, um sie zu beruhigen, hole mir drei Kilo Junkfood vom Amerikaner und schaue noch einem Schuldnerberater zu, wie er auf RTL einem grenzdebilen Paar erklärt, dass man nicht Grafikkarten und Superbetten kaufen kann, während man gerade einen Plan macht, wie man 69.000 Euro Schulden los wird. Er ging mit einem Restaurant pleite, das 400 Plätze, aber eine nur briefmarkengroße Küche hatte. Sie hat einen 4er-Abschluss von der Hauptschule und ein Charisma wie eine Flasche Schloss-Pils, will aber keine Arbeitsstelle unter 5-Sterne-Hotels annehmen. Sie ist der Typ Mensch, der unfassbar schlechte Romane verfasst, an denen alles falsch ist, sich nichts, aber auch gar nichts darüber sagen lässt und dann schmollend im Seitengang der Buchmesse hockt, weil die Welt nicht dafür gesorgt hat, dass sie jetzt “mal dran” ist… bis sie einer vom Zuschussverlag aufklaubt, oder von Scientology. Only the strong survive…

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