Tourtagebuch Reloaded – 16.10.2007 Bochum, Kulturcafé

Heute mache ich mich schuldig. Ich lese im Kulturcafé, mal wieder, zweite Heimat, Ort meiner ersten Schritte als Autor, als Veranstalter, als Punkrocksänger, als Aktivist, als Student. An diese Uni zurückzukommen ist für mich emotional intensiver, je mehr Zeit vergeht und je mehr ich mich verändere. Zu spielen an diesem Ort, an dem ich vor vielen Jahren auch schon mal ganz unten war, an dem ich im Vergleich zu heute noch gar nichts wusste, an dem ich mich, würde ich mich selber treffen, in den Arm nehmen und mich sehr lange und sehr hoffnungsvoll trösten würde; diesem Ort, an dem ich jede Ritze der Campusbetonplatten und jedes schwarze Brett jedes Flurs kenne, an dem ich im Studium wie in einer Parallelwelt versank, an dem ich mich selbst begründete; hier zu spielen, ist immer etwas Besonderes, ein Clash zwischen altem und neuem Leben, an dem einige Strippen vertrocknet ins Leere hängen und andere erst jetzt wieder aufblühen.

Ich lese das erste Mal auf Einladung eines neuen AStAs, die Jusos und die Grünen haben nach ewigen Zeiten einmal die Macht gegen meine alten “Genossen” der Alternativen und der Linken Liste errungen und dass ich trotzdem für sie spiele, ist für einige vielleicht ein Dolchstoß. Es ist tatsächlich vieles anders heute Abend. Ich treffe keinen Bekannten aus der ehemaligen Szene, auch das Publikum ist zum Teil neu, gar das Café wirkt aufgeräumter. Wirt Huseyin, der hier schon regiert, seit ich ihm noch als Sänger von Salad Bowl mit Punkrock verluste in die Kasse brüllte, ist überaus freundlich und zuvorkommend und hat wie schon letztes Jahre weit bessere Laune als früher, wo wir mit unserer Literaturgruppe zwar auch das Haus voll machten, aber von ihm eher wie Schüler beim Hausmeister behandelt wurden. Heute geht alles glatt. Die Bude ist voll bis zur letzten Trennwand, das Publikum ist so gut drauf wie die Fans von Björn Borg, Beatsteaks und Bukowski zusammen und schaukelt mich zu einer Menge lokal gefärbten Uni-Kabaretts hoch. Ich gebe Autogramme als sei ich Grönemeyer und verkaufe Buttons, bis die Jacken keinen Stoff mehr zeigen. Hüseyin klopft mir auf die Schulter und sagt stolz, auf das Plakat der kompletten Kulturwoche schielend: “10 Jahre Kulturcafé. Wir haben dich nicht vergessen!” Ich lächle. Auf der Parkebene zwischen Campus und Unicenter schlage ich den Kofferraum zu und schaue zum Wohnheim rüber, in dem alles begann. Es war gestern. Und zugleich ist es 100 Jahre lang her. Bochum, ich häng an dir…

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