Tourtagebuch Reloaded – 17.10.2007 Halberstadt, Hochschule Harz

Es ist kurz vor Mitternacht und ich gehe über dämmrig beleuchtete Kopfsteingassen durch ein altes Tor auf eine Kirche zu. Ein antikes Gemäuer, 1050 gebaut, das Gestein bröckelt. Im 18. Jahrhundert wurden dem heiligen Ort die Eingeweide entrissen, es wurde säkularisiert und verwandelte sich in eine Schnapsbrennerei, später in einen Schweinestall. Rainer Neugebauer schließt die Tür auf, es ist stockdunkel, wie ein Kater im Mantel schleicht er sicheren Schrittes durch das Schwarz zu einem Lichtschalter, während seine Frau und ich an der Tür warten. Das alte Gemäuer wirkt ohne Bänke, Beichtstühle oder Altar riesig und zugleich weiter intim, wie ein Anwesen mit 100 Zimmern, in dem man als Kind allein gelassen wird. Durch das Gemäuer surrt eindringlich ein Ton, ein E-Dur-Akkord. Er kommt aus einer improvisierten, kleinen, hinter Plexiglas versteckten Orgel mit nur sechs Pfeifen. Er klingt noch bis nächsten Juni durch, dann ist Tonwechsel. Die Orgel und der riesige Blasebalg, der sie versorgt, sind Kern des John-Cage-Orgel-Kunstprojektes, das Rainer (wir duzen uns bereits, das macht man so in dunklen Kirchen) betreut. Eine Komposition des Avantgarde-Meisters John Cage, den auch Hartmut besonders liebt, da ihm (also Cage) ernsthaft daran lag, mit dem Hören auch das Denken zu verändern. Dieser John Cage versah sein Stück “Organ 2″ mit der Tempoangabe “As slow as possible”. Seine Nachfahren im Geiste (er verstarb 1992) nahmen diese Notiz ernst und führen nun hier, in dieser alten Kirche in Halberstadt, die Komposition gestreckt auf 693 Jahre auf. Die ersten eineinhalb Jahre begannen 2000 mit einer Pause, jetzt sind wir erst beim zweiten Ton. Die Länge begründet sich in der Erfindung der ersten modernen, 12-tönigen Orgel, die 1361 in Halberstadt erbaut wurde, von 1361-2000 sind es 693 Jahre, von 2000 bis 2693 soll “Organ 2″ nun hier ertönen, als Gleichnis für maximale Entschleunigung und die hoffnungsvolle Zuversicht, dass diese Kirche auch im 27. Jahrhundert noch hier steht. Der Gedanke, dass dies möglich sein könnte, dass vielleicht in über 600 Jahren wieder ein junger Mann in diesem Gemäuer steht, den vorletzten Brummton der Orgel hört und dieser Ton dann Teil DERSELBEN Komposition war, die 2000 begann, plättet mich. Ich könnte fast weinen, so großartig finde ich das. Ein Ton ist nie genau derselbe, soll John Cage gesagt haben, denn das Gemäuer ändert sich ja, und wenn nur ein Sandkorn pro Minute aus den Blöcken rieselt. Genauigkeit, Entschleunigung und Hoffnung…

Eigentlich soll es hier ja um meinen Auftritt in der Hochschule Harz gehen. Stimmt. Aber ich muss mich selbst zurücknehmen, denn an diesem Tag in Halberstadt war für mich die Stadt der Star. Die Stadt und ihr tapferes intellektuelles Herz Rainer Neugebauer, der nicht nur die Orgel in Gang hält und die Lesereihe “Halberstädter VorLesung” an einer Hochschule betreibt, die vor allem Verwaltungskräfte ausbildet, sondern auch noch Vorkämpfer der Bürgerbewegung gegen die Neonazis ist, die hier ständig Schlagzeilen machen. Dabei sieht er aus wie eine Mischung aus Siegmund und Steve van Till und hat privat daheim eine Sammlung von fast 25.000 Büchern, Lexika und Folianten, der zweite Eindruck nach der Cage-Kirche, der mir die Kinnlade gen Dielen zieht. 25.000 Bücher, ein “Wohnzimmer” als Bibliothek, höchste Decken, früher war hier die komplette ehemalige Stadtbibliothek. Es ist wie bei Wandelgermanen, nur spiegelverkehrt. Hartmut zieht aus Versehen in das einzige Dorf, das Neuheiden und Wehrsportgruppen statt Alternativer und Biobauern beheimatet; ich lese in einer Hochburg-Region der NPD im einzigen Nest des intellektuellen wie praktischen Widerstands. An Rainer Neugebauers Haustür klebt ein “Notinsel”-Schild; bevor ich in der Hochschule vor gut gelauntem Publikum spiele, hält er einen 10-minütigen Vortrag über mich und gräbt dabei tief in meinem akademischen Werk, umspinnt mein heutiges Entertainment mit Anspielungen auf Kafka, Adorno und Luhmann und zitiert komplizierte Sätze aus meinen Texten für die Weimarer Beiträge. Rainer Neugebauer, ihr merkt das schon, ist ein Held. Und Halberstadt, dieser malerische, unheimliche Fachwerk-, Kirchen- und Gassen-Ort, der – umzingelt von Hooligans – die Komposition für 1693 in einem Gemäuer aus dem Mittelalter spielen lässt, der ambivalenteste Ort der Welt. As slow as possible…

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