Tourtagebuch Reloaded – 23.10.2007 Erfurt, Haus am Breitstrom (Erfurter Herbstlese)

Bislang war der Osten für mich schweres Terraint. Hartmut und ich und Voll beschäftigt verkauften sich hier im Vergleich zur Mitte des Landes in etwa so oft wie Litschis in der Obstabteilung. Daher hat Herr John vom Verein Erfurter Herbstlerse, der jedes Jahr satte 2 Monate lang am Stück (!) nahezu jede Location des Ortes mit Lesungen füllt, auch recht, wenn er jetzt in seiner Vorrede sagt: “Ruhrpott-Kult in Erfurt? Wird das funktionieren?”
Nur, meine Lieben (und jetzt werde ich gerade vor dem Laptop einen Meter größer vor Stolz), Herr John stellt diese rhetorische Frage in seiner Anmoderation vor 220 Zuschauern. Zweihundertzwanzig. Zwei – hundert – zwanzig! Diese, habe ich es schon erwähnt, zwei – hun – dert – zwan – zig Neugierigen sitzen in der Aula der örtlichen Schule, ich habe eine kleine Bühne und eine Leinwand so groß wie ein Kino hinter mir auf der großen Bühne, auf der ganze Orchester Platz finden. Auf der Leinwand ist das “Wenig Arbeit ist eine Illusion”-Motiv zu sehen und ich beginne nach Herr Johns schönem Intro mit einer Parodie auf Jürgen Höller, da ich mir vor diesen Menschenmassen in der Aula wie ein Motivationstrainer vorkomme. “Wenig Arbeit ist eine Illusion – Das Erfolgscoaching mit Oliver Uschmann.” Ich improvisiere das Programm anders und neu, bette es ein in noch mehr satirisch klingende, aber sehr wahre goldene Regeln und Einblicke in die ungeschriebenen Gesetze des Kulturgeschäfts, der Uni und des bildungsnahen Small Talks im Deutschlandfunk. Ich mache mich über lebensuntüchtige Germanisten lustig, verteile übriggebliebene Wortguru-Seminar-Blätter, um mein Erfolgsgesetz zu verraten, ich ziehe richtig vom Leder. Ich kann nicht bestätigen, dass ein so großes Publikum die Sache unpersönlich und unlocker macht, ganz im Gegenteil. Ich bin angestachelt, euphorisiert und zugleich habe ich ein Auge für einzelne Menschen im Saal. Für die Frau, die besonders über meine Schelte auf die Gesundheitsdiktatur lacht, leise, wissend, ein bisschen bitter. Für den PC-Experten, der mir in der Pause am Büchertisch erklärte, dass mein Hasswort “funzt” nur die Pseudo-Profis benutzen, die sogenannten “Skript-Kiddies”. Für das ältere Paar in Reihe 1, zwei sich wunderbar niedlich amüsierende Menschen, wie sie früher neben mir im Publikum saßen, wenn ich mit ihnen zusammen Dieter Nuhr oder Doktor Stratmann im Stadttheater ansah. Heute bin ich der Dieter. Ich habe die größte Show meiner bisherigen Live-Karriere ausgerechnet in Erfurt. In Erfurt. Einen Übertritt der Kanzlerin zur Linkspartei wäre mir wahrscheinlicher erschienen.

Nach der Lesung rufe ich meine Süße an, aufgeregt wie ein Flummi, aus der Kirche, hinter der das Auto parkt, klingen Choräle. Die Vereinsmitglieder packen die Sachen in einen Kombi, wir fahren noch in ein sehr lauschiges, großes Kulturrestaurant essen. Ich freue mich aufs Hotel, das einen idyllische Blick auf die Krämergasse und eine Badewanne hat, was Zufall ist. Herr John erzählt von anderen Autoren, die eine Wanne kategorisch verlangen, weil sie angeblich “täglich ihre übermäßig stark wachsende Brustbehaarung” waschen müssen. Deshalb benötigen sie auch WLAN im Zimmer, um in Echtzeit Brusthaarwaschgel beim Online-Händler nachbestellen zu können. Das steht so in ihren Verträgen. Ich sag natürlich nicht, wer gemeint ist. Die Runde stellt die These auf, dass es sich dabei um Satire handelt. Morgen kommt eine Schweizer Autorin, die vorgestern Bescheid sagte, dass ihr Flug 1300 Euro kostet. Und Politkabarettisten, die Rächer der Enterbten, die seien die mit den schlimmsten Allüren, erfahre ich, die kommen schon fast an Paul McCartney ran, der 40 Seifenstücke benötigt, da er wegen eines neurotischen Fimmels ein Stück nur einmal anfasst. “Was bin ich doch pflegeleicht, was?” sage ich und die Erfurter lachen und loben mich. Ich habe ihnen die Kasse voll gemacht. 220 Leute sind glücklich. Gepriesen sei der Osten!

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