Tourtagebuch Reloaded – 24.10.2007 Karlsruhe, Thalia Buchhandlung

Verkehrte Welt. In Erfurt wohne ich in einer Suite mit Wanne mitten in einer traumhaften Altstadt, die im Bauch des Hotels die Touristen und Klassentreffen versammelt und lese vor 220 Menschen. Die Stadt ist belebt und gut in Schuss, ein wenig abgewetzt, aber mit einer Menge Glanz, wie eine seit 30 Jahren gespielte Trompete im Jazzkeller. Dann fahre ich in den Westen. Und alles geht den Bach runter.

Die A71 und die A70 sind Autobahnen, die nicht existieren. Mein Navigator zeigt an, dass ich über plattes, unkultiviertes Land fahre. Auf der weißen Fläche des Bildschirms kreuze ich mit Tempo 160 kleinste landwirtschaftliche Wege. Vor meiner Windschutzscheibe aber sehe ich freie Bahn, dreispurig, mit hellem, nahezu unbefahrenem Asphalt. Wem soll ich glauben? Mit der Zeit tendiere ich dazu, die Navigator-Anzeige für wirklicher zu halten als die Wirklichkeit. Ich fahre durch Tunnel, die kein Ende nehmen. Kilometerlange Röhren aus Beton mit gigantischen Ventilatoren an der Decke, wie man sie aus “Daylight” kennt. Fluchtbuchten mit Notrufsäulen, eine, zwei, drei, vier, sieben, zwölf. Die Tunnel nehmen kein Ende. Warum nicht? Wo bin ich? Schlafe ich? Was muss hier untertunnelt werden? Was ist über mir? Das Siebengebirge? Der Gotthard?
Als der Tunnel irgendwann endet, beißt das Tageslicht in den Augen. Die Autofahrer halten sich die Hand vors Gesicht, als führen sie in eine Explosion. Vor den Tunneln war Nebel, den ganzen Vormittag, dichter, gnadenloser Nebel. Hinter den Tunneln ist Licht. Ist das wirklich?

Der Navigator sagt, ich soll die Autobahn verlassen. Er hat sie erkannt, für sieben Kilometer hat er sie erkannt und sagt prompt, ich müsse sie verlassen. Ich gehorche. Und sehe: Das war kein Zufall. Das Gerät will mir etwas zeigen, mir die Augen öffnen für dieses Land. Ich fahre durch fünf Dörfer der Provinz zwischen Thüringen und Bayern. Ich habe sowas noch nie gesehen, nicht mal in Hohenlohe. Nicht so. Die Dörfer bestehen nur aus ein paar krummen Straßen, Fachwerkhäuser in erbärmlichem Zustand stehen so eng, als beugten sie sich über die Straße, um über mir mit der Stirn aneinanderzustoßen. Zigarrettenautomaten hängen wie tote Pickel an Ruinen, in Auslagen ehemaliger Geschäfte liegt der Staub meterdick. Ich sehe keine Menschen, nur Landmaschinen in Einfahrten und krumme Türen in Häusern ohne Putz. Das Licht hier ist grüngrau und so eng wie die Wege in den Dörfern sind, so weitläufig sind die Hügelflächen zwischen ihnen. Täler und Senken, nur ein knorriger Baum alle 800 Meter. Es wirkt exakt so wie die französische Provinz oder die Insel Everon in “Operation Flashpoint“, diese verlorenen Gegenden, durch die man mit seinen Soldaten läuft, 1200 Meter kaum Deckung, am Ende der Hügel das kleine Dorf mit dem Kirchturm in der Mitte. Ist das wirklich?

Als das Benzin versiegt, ignoriere ich den Navigator, suche eine Tankstelle und fahre wieder auf die Autobahn, gegen seinen Willen. Prompt zeigt er wieder an, dass ich über das Land fahre. Dorfstraße links. Kirchplatz rechts. Der Navigator empfängt seine Daten aus der Luft, von Satelliten. Ich stelle mir vor, dass er nicht defekt ist, sondern schon die richtigen Daten empfängt, nur… aus einer anderen Zeit. Die Antenne empfängt eine Frequenz aus der Vergangenheit. Oder, was noch unheimlicher wäre: aus der Zukunft. Sind dann die Autobahnen wieder verschwunden? Ist dann hier, wo ich mit 160 einen LKW überhole, wieder nur ein Feldweg zum Kirchplatz? Wann wird das sein? In 600 Jahren? Wenn in Halberstadt die Komposition auf ihr Ende zugeht? Die gleiche, die schon lief, als hier noch Autobahn war? Ich habe das Gefühl, in eine andere Dimension zu schauen und durch Menschen auf ihrem Kirchplatz hindurch zu fahren. Ich muss unbedingt ankommen. Ich brauche starken Kaffee.

In Karlsruhe gibt es ein schönes, altes Hotel am Bahnhof und eine Buchhandlung in einer gigantischen, modernen Shopping Mall. Es gibt viele Bücher, aber keine Besucher. Fünf Gäste sind erschienen, obwohl das Buch hier schon pro Tag weit mehr als fünf Mal über die Theke geht und das nicht erst seit gestern. In Erfurt hatte ich die meisten Gäste aller Zeiten. Zurück im Westen, hinter den Tunneln, habe ich die wenigsten. Bin ich in der falschen Wirklichkeit herausgekommen? Waren die Tunnel die Schnittstelle? Ich nehme es hin und lese, spiele und erzähle mit Leidenschaft, aber auch ein wenig Müdigkeit. Mini-Tourneen sind anstrengend. Ich weiß, es ist dekadent so was zu sagen, wenn bei Thyssen die Stahlarbeiter 12 Stunden am Tag geschmolzen werden, aber 400 Kilometer am Tag mit dem Auto, durch mehrere Dimensionen, abends lesen und zwischendurch online arbeiten, ist anstrengend.

Ich fahre mit der S-Bahn ins Hotel zurück, setze mich mit Abendsnack vor eine Polit-Talkshow und schaue an die Decke. Die alte Stuckdecke hat einen zwei Meter großen Kreis als Zierde in der Mitte. Ich sehe eine Spinne darin, die ihn voll ausfüllt, mit Beinen lang wie Äste, still und allumfassend. Ich schreie kurz und lasse meinen Imbiss auf den Teppich fallen. Dann ist sie weg. Auf der Ablage neben dem Tisch liegt mein Navigator und leuchtet kurz auf, obwohl er nicht an den Strom angeschlossen ist. Ich sehe eine weiße Karte mit Dorfstraße und zwei Bäumen. Dann schaltet er sich ab.

This entry was posted in Tourtagebuch 2007 and tagged . Bookmark the permalink.

Comments are closed.