Tourtagebuch Reloaded – 29.09.2006 Herbern, Buchhandlung Angelkort

Heute Abend findet der Auftritt noch näher an Heim und Teich statt als vor ein paar Tagen in Lüdinghausen. Ich spiele bei Angelkort, dem nettesten Familienbetrieb unseres Dorfes, Schreibwarenladen, Buchhandel, Spielwarengeschäft, Post und alteingediente Druckerei. Als ich vor einem Jahr herzog und mit einem toughen Bekannten unser Haus renovierte, lag auf der Theke noch eine Umfrage aus, ob man sich als Herberner Bürger bei Angelkort auch Lesungen wünsche. Ich kreuzte natürlich “ja” an, stellte mich wenig später als Autor vor und ließ die Dinge ihren Lauf nehmen. Jetzt hängt in der gemütlichen Buchecke ein Artikel über mich, ausgeschnitten und gerahmt, “Autor zieht in Kultdorf”, eine große Seite in der Hallo Münsterland. Darunter hat die Angelkort-Familie meine Bücher drapiert, Schulter an Schulter mit den Bestsellern meines Verlagskollegen Tommy Jaud, der seit zwei Jahren durch die Decke geht und humoristischen “Männerromanen” aller Art mit dem ganz großen Pflug das Feld bereitet hat.

Ich kann mit dem Fahrrad zur Lesung fahren, langsam und besinnlich, umhüllt vom Abendlicht eines goldenen Herbstes, durch stille Straßen, auf die viergeteilte Fenster in Fachwerkhäusern ihr Licht tröpfeln lassen. Vor der Lesung plaudere ich mit Leuten, die nicht merken, dass ich der Autor bin. Auch danach stört es nicht ihre Geruhsamkeit. Keine Bühne, kein Mikro, keine falsche Scheu. Sekt und O-Saft für alle, Wohnzimmer-Atmosphäre. Im Grunde Punkrock, die Distanz zwischen Künstler und Publikum ist völlig aufgehoben. Die Nachbarn sind da, auch die, die man bislang noch gar nicht kennen gelernt hat. Lediglich ein junges Paar hat aus dem Ausland (also der Welt außerhalb des Dorfes) hergefunden, ein hartmuteskes Studentenpärchen, das als Ehrenduo aus der Fremde die kleine rote Couch bekommt. Voll beschäftigt ist nun erschienen und die Show somit die offizielle Weltpremiere, wo Lüdinghausen die stille Vorpremiere war. Weltpremiere also auch nicht in Berlin, nicht in München, nicht mal in Bochum, sondern: In einer Familien-Buchhandlung zu Herbern im Münsterland, dem sichersten Ort Deutschlands. Ein Niemandsland zwischen allen Städten, auf das nie eine Bombe fiele und in dem man sich als Agent über Jahre verstecken könnte.

Die Leute schmeißen sich weg, auch hier darf ich “Scheiß Staat” lesen, ohne nur von dem Studentenpaar auf der roten Couch Applaus zu ernten. Die lachen besonders laut bei “Super Mario”, da sie häufig auf Demos gehen und jedes, wirklich jedes Detail der Geschichte als wahr erkennen. “Ist das geil”, flüstert der junge Mann seiner Freundin auf der Couch zu und es kann nichts Besseres geben, als während einer Show so etwas zu hören und noch dazu zu wissen: Der Heimweg führt dich mit dem Rad durch die warme Nacht und du hast 35 Menschen große Freude bereitet. Bei Angelkort werde ich morgen wieder sein, als Kunde. Aber das macht hier sowieso keinen großen Unterschied. Und das ist gut so.

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