Tourtagebuch Reloaded – 25.10.2007 Wesel, Buchhandlung Dambeck

Bochum, Berlin, Wesel. Immer wieder dort lesen. Immer wieder eintauchen in die emotional belegtesten Städte meines Lebens. Studienstadt, Umbruchsstadt, Heimatstadt. Heute also: Heimatstadt. Ich komme aus Karlsruhe und fahre wieder zäh und lang, 417 Kilometer. Die Pomuskeln krampfen, die Lieder auf den Formatsendern wiederholen sich, die Debatten auf den Kultursendern auch. Auf einem Rasthof rufe ich meinen besten alten Freund an, den ich mittlerweile nur einmal im Jahr sehe. Einmal im Jahr, das uns genügt, um zu spüren, dass wir uns immer noch so lieb haben wie früher, als jeden Samstag die Hansa-Dosen knackten. Heute allerdings kann er nicht. Das beruhigt mich, irgendwie. Er kann nicht einfach, weil ich, der seltene Gast, mal in Wesel bin und er zufällig auch. Er sitzt nicht dort und wartet auf mich, auf den alten Bierpaletten, als sei ich gegangen und käme irgendwann zurück nach Nothing Gulch. Er kann nicht. Er hat ein eigenes Leben. Das ist gut.

Zwischen Ankunft und Lesung passt nur ein Snack bei Muttern. Dann stehe ich schon in der Buchhandlung meiner Kindheit, heute als professioneller Autor. Man gewöhnt sich daran, als professioneller Autor irgendwo zu lesen. Anzureisen, einzuchecken, auszupacken, zu spielen, abzurechnen, weiterzufahren. Aber in der Buchhandlung seiner Kindheit zu stehen, in der man schon mit 12 die Romane aus dem Regal zog, die Klappentexte las und wusste: Das willst du auch mal machen – das ist was Besonderes. Herr Boeing plaudert mit mir nach dem Aufbau, er redet ohne Pause, er scheint begeistert von meinem Weg. Vor 12 Jahren stand ich vor ihm und drückte ihm unsägliche Anthologien von Zuschussverlagen in die Hand, an denen ich mich als naiver Jüngling beteiligt hatte und die ich heute in einer Geschichte wie “Poem” aus “Hartmut und ich” parodiere. Vor 6 Jahren legte er seriöse Literaturmagazine aus, in denen ich plötzlich veröffentlichte, schon eher beeindruckt. Und heute, heute komme ich und bin der Hartmut-Mann von S.Fischer.

Das Publikum ist ebenfalls eine Welle der Vergangenheit. Mein ehemaliger alter Schulrektor ist da, mein Rektor, vor dem ich mit 12 stand, weil ich aus Versehen einen Schrank zertrümmert hatte, von innen. Die Kollegen hatten mich reingesteckt, wir hatten Superheldenakademie gespielt, ich sollte mich befreien, der Boden brach raus, der Schrank hatte plötzlich Füße, hätte ich meine Arme links und rechts durch das marode Holz gerammt, hätte er auch Arme gehabt. Meine ehemalige Lehrerin aus dem Leistungskurs Deutsch ist da, einem großartigen Kurs, in dem ich mich im literarischen Schreiben schulte, ein Kurs, der mir die Romantik und Ironie nahe brachte, ein Kurs zwischen E.T.A. Hoffmann und Kafka, ohne den es die Wandelgermanen nicht gäbe. Dass sie da ist freut mich besonders. Mein alter Freund Rüdiger nimmt den Auftritt auf und dreht vorher mit mir ein Gagvideo für sein Punk-/Hardcore-YouTube-Magazin. Meine Familie ist da, mein ehemaliger Bürgerfunkchef und Förderer, Joachim Freund von der NRZ, der liebevollste Hartmut-Rezipient in der deutschen Presse. Es beflügelt, es ist zugleich gemütlich in dem Laden, es ist toll.

Auf dem Rückweg nehme ich die Landstraße, werde 10 Kilometer lang durch Tempo 30 gelenkt und kurz danach geblitzt, die Dunkelheit ist massiv, es ist, als läge ein Tunnel aus Schwarz zwischen dem Ort meiner Geburt und meiner heutigen Heimat. Ich war ein Junge, der Autor werden wollte. Jetzt fahre ich als einer aus dem alten Buchladen heim. Mein alter Rektor hat sich ein Autogramm geholt. Der Schrank ist vergessen.

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