Tourtagebuch Reloaded – 31.10.2007 Berlin, Buchhandlung Thalia (Hallen am Borsigplatz)

Bochum, Berlin, Wesel. Jetzt also: Berlin. Die Stadt des Umbruchs, mein Jahr in der Werbung, mein Jahr als Prekariat, mein Jahr, bevor wir aufs Land zogen. Eine Stadt, die ich in dem kurzen Jahr bis in kleinste Winkel hinein kennen lernte und memorierte wie kaum einen anderen Ort. Eine Stadt, die mir liegt. Eine Stadt, über der ein Schleier der Melancholie liegt, da ich nicht ganz in ihr aber auch nicht ganz ohne sie kann. Heute Abend ist Halloween und daher ist das Publikum in der Thalia überschaubar. Die Thalia liegt in den Hallen am Borsigturm, einem beeindruckenden Shopping Center, verwinkelt eingepflanzt in ehemalige Fertigungshallen für Lokomotiven.

Ich streife mit meinem Agenten durch die Mall, erkläre ihm, welchen Handheld er für seinen Sohn kaufen sollte und warum der kleine im Leben die “Zelda”-Reihe gespielt haben muss, stöbere vor der Lesung in Ruhe in den Büchern des Ladens und freue mich darüber, dass das Hotel direkt gegenüber des Eingangs liegt und Internet wie Kaffee im Foyer gratis sprudeln lässt. Solche Kleinigkeiten braucht der Kulturschaffende. Außerdem bin ich stolz, dass ich auf dem neuen Computer meine Leinwandsachen ans Laufen kriege, Firewire-Adapter auf VGA und die F7-Taste, ich fühle mich so kompetent, als könne ich bei “Alias” vertretungsweise Marshall ersetzen.

Das Publikum kennt die Bücher augenscheinlich schon bis aufs Wort. Ein paar in der ersten Reihe steckt sich gegenseitig die Gesichter in die Pullis und lacht in des anderen Brust. Eine junge Frau gackert schamlos und herrlich, als liefere ich nur Schenkelklopfer. Mache ich ja auch. Ich improvisiere exzessiv und laut, baue den Inhalt der halben Buchhandlung in meine Gedanken zur Zeit ein und habe Spaß wie Zauberer Rincewind an guten Tagen. Dann kaufe ich noch um 22:18 Uhr ein Buch zum erfolgreichen “Nein-Sagen” und gegen Herzinfarkt. Der Einkauf, der außerhalb der Ladenschlusszeiten stattfindet, wird über die Leitung registriert und kaum, dass wir alle die Mall verlassen, steht das Finanzamt in Form zweier kleiner Männer mit Schnauzern und runden, schwarzen Hüten vor der Tür und verlangt eine Strafsteuer auf den illegetimen Spätverkauf. Besser gesagt: Einer der Männer verlangt es, der andere gibt nur obskure Zeichen und Wölkchen von sich. Bevor wir alle zusammenlegen können, um zu bezahlen, biegt Michael Myers wortlos und mit weißer Maske um die Ecke und lässt sein Messer im Laternenlicht blitzen. Die Hutmänner vom Amt, mein Agent, ich und die Thalia-Besatzung gehen langsam und lautlos auseinander, wie man es bei Hundeangriffen tut und flüchten in die McDonalds-Filiale. Geduckt sehen wir, wie draußen hinter dem Fenster der Mörder vorbeigeht und in seiner weißen Maske nach vorne stiert, als habe er nichts gesehen. Für einen Moment verlangsamt er seinen Schritt und dreht den Kopf um einen halben Millimeter nach links. Der Kassierer hält den Finger auf der Taste der Kasse, so dass sie 14 Big Mäcs bongt, die Milchshakes gefrieren komplett zu Eis. Dann geht Myers weiter, tiefer nach Tegel hinein, Opfer in dunkleren Ecken suchen. Wir warten noch zehn Minuten, dann schleiche ich gegenüber ins Hotel.

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