Tourtagebuch Reloaded – 01.11.2007 Rostock, Buchhandlung Weiland

Vor der Fahrt nach Rostock mit dem RE schleiche ich im Saturn rum und betrachte das Regal der gestorbenen Formate. Mini-Discs, DAT-Kassetten, Musikkassetten „Ferro” und „Chrome II”, VHS-Leervideos. Die VHS-Kassetten kosten heute wieder bis zu 4,99 Euro, teurer als DVD-Rs. Musikkassetten sind auch nicht gerade billig. Es wird wieder teurer, weil es seltener ist. Weil es keiner mehr kauft. Das gefällt mir. In Japan gibt es auch noch die Spiele für NES von 1987 mit Originalverpackung am Laden, weil sie dort nicht als „veraltet” betrachten werden, zumindest nicht mehr als in einem Plattenladen die Beatles, die man ja auch nicht aussortiert, weil sie „nicht mehr aktuell sind”. Der Flur der toten Formate gefällt mir. An seinem Eingang stehen die neuesten Formate, Blu-Ray und Hi-DVD. Es wird nicht lange dauern, dann steht eins davon neben den DATs.

Die Landschaft zwischen Berlin und Rostock, die im Regionalexpress an mir vorbeizieht, ist der längste Flur toter Formate, den es gibt. Der Zug hält alle sieben Minuten an einem Ort, der auf „-ow” endet und jeder, wirklich jeder Bahnhof besteht aus einem verfallenen Bahnhofsgebäude, das irgendwann mal in Betrieb gewesen ist und heute seine toten Augen mit Bretter vernagelt bekommen hat. Neben der Ruine ein Fahrradständer, dann ein Stückchen Ort, dann wieder 30 Kilometer Brachland, fruchtlos, mit ein paar gichtkranken Bäumen in der Mitte und verrosteten Baufahrzeugen aus alten Zeiten. Acht Mädchen zwischen 14 und 16 steigen ein und reden über sich und ihre Mitschülerinnen. „Die Dana hat schon wieder einen Neuen”, sagt eine, „die hat jede Woche einen anderen Kerl.” Die meisten von ihnen sind schwanger, in den Orten mit Ruine und Fahrradständer kann man nur poppen, sonst nichts. Der Bildschirm mit den Haltestellen zeigt alle zehn Minuten eine Brücke in Budapest und ihren Schiffs- und Autoverkehr im 24-Stunden-Zeitraffer. Sonst nichts. Immer wieder diese Brücke und das Gewusel drumherum. Es ist nicht mal Werbung, nur eine Brücke und Gewusel. Rechts oben steht Earth TV. Sollte der Sender damit für sich werben, muss er Kunden anlocken wollen, die nicht viel vom Leben verlangen.

Der Auftritt am Abend ist, und das sage ich nicht oft, sensationell für mich. Die Buchhandlung ist voll, aber das beste ist, dass die Menschen reagieren. Jeder anders, aber jeder wie ein Vertrauter, wie einer, der versteht, wie ich alles meine. Ihr Lachen, ihr Mitgrooven ist einzigartig und ich habe richtig Bock und improvisiere wie ein Wahnsinniger. Alle kommen sie in meinen Erzählungen wieder zusammen: Die Mädchen aus dem Zug, die toten Formate, die Japaner, alle. Ich jongliere mit Beobachtungen, Einstellungen und Polemik und habe nicht bloß Spaß, sondern Freude, tiefe Zufriedenheit. Ich werde gut betreut, ich fühle mich willkommen, ich preise Rostock, dass sie mir einen Abend ermöglichten, bei dem man sich austoben konnte, weil man spürte, wie die Chemie zwischen mir und Publikum stimmt. Nach der Lesung schnorre ich noch ein Buch, unterzeichne, führe ein Interview, rufe meine Süße an, spaziere durch eine behagliche Altstadt und schreibe dieses Tagebuch in einer modernen Spielhalle, die heute so freundlich wirken wie früher die Jugendhäuser. Danke, alte Hansestadt.

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