Tourtagebuch Reloaded – 08.11.2007 Bochum, Mayersche Buchhandlung

Es regnet. Auf den Tropfen bildet sich der in Korea hergestellte Glitzerfilm, den die Engel im Himmel auf riesige Siebe auftragen, durch die Petrus dann das Wasser gießt, so dass Tropfen entstehen, die sofort von dem Glitter umschlossen werden. Der Glitter blendet in den Pfützen und auf der Windschutzscheibe. Der Glitter bleibt mitsamt Tropfen auf meinem Schädel liegen, als ich aussteige. Ich parke neben der Kirche am Bochumer Rathaus. In einer Schaufensterscheibe hängt ein Schild: “Sie wünschen Krimilesungen im Bestattungsinstitut? Rufen Sie uns an!” Die Mayersche ist um die Ecke, Hinterausgang für Personal raus auf die breiten Betonplatten neben der Deutschen Bank, Vordereingang zur Fußgängerzone, gegenüber wird gerade Saturn gebaut. Es ist das Stück Fußgängerzone, in dem “Klemmbretter” aus Voll beschäftigt spielt. Ich gehe noch schnell in ein Kiosk-Internetcafé-Hybrid, checke meine Post und höre, wie neben mir ein 12jähriges Mädchen per Headset über irgendein Skype-Internet-Telefonie-System ihre Freundin in Australien anruft. Ich war mit 12 froh, wenn ich auf der BASF-Ferro-Kassette halbwegs saubere Übergänge zwischen den Liedern hinbekam. Ich antworte im Mailpostfach einem großen Elektro-Discounter, dass sie sich ihre Werbemillionen in den Hintern schieben können und sich ein anderes Maskottchen suchen sollen. “Gut, antworten Sie zwei Sekunden später. Fragen wir eben Olli Dittrich.”

In der Mayerschen arbeiten Menschen, die Hartmut lieben. Weil er ihnen “richtig Umsatz beschert”, aber auch, weil mein Betreuer ein Freund von Wolfgang Kienast aus dem Sissykingkong ist, ihr wisst, dem frisch gebackenen Wolfgang Antonius Kienast Graf von Roit zu Roja. Man kümmert sich rührend um mich, die Technik flutscht wie Fa-Duschgel Feige-Olive und das Haus ist gerappelt voll mit Menschen, die Hartmut trotz seiner Reise nach Hohenlohe weiterhin als ihren Bochumer Jungen betrachten und die so mitgehen, wie es sonst nur bei Grönemeyer der Fall ist. Was soll ich sagen – wenn schon kleinste Gesten, Zwischensätze und Andeutungen wahre Wellenberge von Gelächter erzeugen, fühlt man sich auf der Bühne wie ein Fisch im Wasser. Sagt ein Performer: “Ich mag es, wenn ich mir ein Publikum erst erkämpfen muss, alles andere ist doch keine Herausforderung”, dann glaubt es mir – das ist Koketterie. In München vor 9 grantelnden Menschen zu sitzen, die außer der notwendigen menschlichen Atmung keine Regung von sich geben, ist nicht besser als in Bochum von lauter fremden Menschen auf Händen getragen zu werden, die das eigene Werk allerdings so kennen und lieben als hätte man das Gefühl, man lese vor Freunden.

Nach der Show habe ich meine Rekordsignierstunde meiner Karriere; es bekommt nahezu jeder Anwesende putzige Sprüche von mir in seine Bücher geschrieben – viele legen direkt alle drei vor meine Nase. Dann packe ich in Ruhe mit den Veranstaltern und erfahre, dass Dieter Hildebrandt, der zuletzt vor mir hier las, kein Small Talk machen mag, beim Essen nach der Show aber auftaute, als ihm die skurille Geschichte von Herzog Anton Ulrich und Graf Wolfgangs Projekten aufgetischt wurde. Das kann ich gut nachvollziehen. Das kann ich so gut nachvollziehen. Also, falls ihr mich mal zur Lesung einladet und beim Futtern danach zwischen uns peinliches Schweigen entsteht, weil ihr “Konversation” machen wollt: ganz ruhig. Erzählt mir einfach alles über eurer absurdestes Hobby und ich bin wohlig. Sei das ein Graf aus dem 17. Jahrhundert, Fliegenfischen oder das Erkennen von Autobahnabschnitten nach Baustellenschuttteilen. Könnt ihr mir davon berichten, die Zeit ist nicht vertan.

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