Tourtagebuch Reloaded – 12.11.2007 Bonn, Pantheon Theater (WDR-Sendung “Die Vorleser”)

Wer kurz vor der heute vor Publikum aufgezeichneten und am 18.11. im WDR ausgestrahlten 45. Folge der “WDR Vorleser” im Backstage-Raum des Pantheon uns Künstler beobachtet hätte, hätte geglaubt, eine fünffache Ohnmacht stünde bevor. Manuel Andrack, Hartmut El-Kurdi, Fanny Müller, Jess Jochimsen und Oliver Uschmann dösen, nippen an Gläsern und schweigen. Ab und zu fällt mal ein Wort, wie eine Seifenblase steigt es im Raum auf, fliegt einem von uns vor die übermüdeten Augen, die darin rund vergrößert erscheinen und zerplatzt, als wir langsam den Finger reintippen. Nervosität mischt sich mit dem toten Punkt vor dem Gipfel, gerade für mich ist das heute noch mal neu, WDR-Vorleser ist eine Nummer, vor der man Respekt haben sollte, ein weiteres erobertes Level in meinem Autoren-Adventure.

Als es dann losgeht, verwandeln wir uns alle vier. Hartmut (also El-Kurdi, nicht meiner), der eben noch ein leicht übernächtigter Tourender war, der noch heute Nacht ohne Schlaf in den Zug muss, um morgen früh in einer Schule vor Kindern zu lesen, ist jetzt ein heiterer Gegenwarts-Chronist mit Gute-Laune-Garantie und trockenem Humor. Jess ist als Moderator und Vorleser in einem nach 1000 Auftritten in seinem Leben ganz Profi in Pointe, Timing und Dialekt. Manuel kennt sich erschreckend gut bei der Wander-WM und in obskuren Auswärts-Busreisen des 1. FC Köln nach Jena, Erfurt und Cottbus aus und verkündet selbst das Ausbrechen einer kleinen Spontanschlägerei auf dem Rasthof Eisenach mit einer Ruhe in der Erzählstimme, welche die Randale seines Textes charmant konterkariert. Und Fanny, die ich vorher zu meiner Schande überhaupt nicht kannte, bringt Kurz- und Kürzestgeschichten von einem derart feinen, präzisen und Loriot’esken Humor, dass ihr euch ihr Buch Auf Dauer sehe ich keine Zukunft im Frühjahr 2008 schon jetzt vormerken solltet. Die ehemalige Lehrerin, die auch für Titanic, taz oder konkret schreibt und – natürlich – daheim keinen Fernseher hat, intoniert und inszeniert ihre Miniaturen dabei mit einer genialen, skalpellhaften Leichtigkeit. Was mich fasziniert ist zudem, wie viele Querverbindungen ich aus der Wandelgermanen-Welt heute zu meinen Kollegen ziehen kann. Hartmut heißt Hartmut und sein vorletztes Buch Barfuss auf der Busspur, Fanny ist frisch gebackene Landbewohnerin und Manuel begegnete bei der Wander-WM nicht nur auch Japanern in Jack-Wolfskin-Jacken, sondern bringt als Zugabe eine Geschichte über die Wandlung des “Wanderparkplatz”-Schildes, die sozusagen im Cover der Wandelgermanen ihre dritte Metamorphose abschließt. Außerdem zeugt er mir Respekt für meinen Barfußauftritt und meine zerschundenen Füße. Und, klar, dass auch ich vom Seifenblasen-Döser auf Knopfdruck wieder zur Rampensau wurde, könnt ihr euch denken oder eben am 18.11. auf WDR 5 hören. Manchmal erstaunt mich das selbst. Klick!

PS: Nach dem Auftritt essen wir noch sehr lecker in einer Bar namens “Pathos” (sic!) und ich stelle im Hotelzimmer hintereinander zwei skandalöse Fakten fest:

1.) Es gibt eine Badewanne, aber das Wasser wird nicht warm.
2.) Die “Bob Ross Inc.” hat YouTube dazu gezwungen, sämtliche Bob-Ross-Videos zu entfernen.

Ich bin beleidigt, esse leicht angefaulte Restweintrauben mit feuchten Keksen direkt aus meinem Rucksack (Beine angezogen, Nase über der Öffnung) und schaue mir für mein nerdiges Wohlgefühl ein paar uralte Folgen WDR Computerclub an, weil mich das seelenruhige Hantieren mit Floppy-Disks oder 56K-Modems fast so beruhigt wie Nass-in-Nass-Malerei. Fast…

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