Tourtagebuch Reloaded – 13.11.2007 Ludwigshafen, Kulturzentrum dasHaus

“Ich arbeite nicht mehr auf Tour”, hat Jess Jochimsen gestern Nacht gesagt, als wir durchs verlassene Bonn zum Hotel zurück gingen. “Seitdem geht es mir besser”. Der Mann ist weise. Ich bin noch nicht so weit. Ich nehme mir auf Tournee grundsätzlich so viel vor, wie man schon nicht schaffen könnte, würde man die Tourneetage komplett nur am Schreibtisch verbringen. Macht man aber nicht. Man verbringt sie auf dem Weg zum Club, in der Garderobe oder an der Bar vor der Bühne, dann auf der Bühne, dann am Büchertisch. Am nächsten Tag wieder im Auto oder im Zug, beim Suchen des Hotels, beim Einchecken und beim Markieren des Zimmers. Das geht so: Toilettenbesuch, alle Sachen aufs Bett leeren, Fernseher einmal durchzappen und wieder ausschalten, alle bereitliegenden Papiere und Magazine aufschlagen und quer im Zimmer verteilen, Fenster auf, Fenster zu. Schauen, was das Hotel zu bieten hat. Schauen, was die Stadt zu bieten hat. Schauen, ob heute Nacht Bob Ross im TV kommt oder wenigstens eine Wiederholung von “Lost”.

Kurz: Ich erschaffe einen Kontingenzhorizont, ein wahres Kaleidoskop möglicher Handlungen und Erledigungen, die ein Ausmaß haben, dass 10-18 Stunden erfordern würde. Ich habe aber: Drei. Höchstens. Dann fangen wir mal an. Erster Schritt: WLAN testen. Das Hotel hat einen Hot Spot der Telekom. Man fährt den Rechner hoch, hängt sich in das Netzwerk und liest: 15 Minuten kosten 2 Euro. 1 Stunde kostet 8 Euro. 1 Tag kostet 18 Euro. Man denkt sich: Scheiß Telekom. Man liest weiter. Alternativen: Feste Monatsgebühr. Na, sicher. Oder: Minutengenaue Abrechnung bei einem Takt von 12 Cent die Minute. Das ist was. Einloggen. Geht nicht. Muss man erst einen T-Online-Account für haben. Um den zu kriegen, müsste man von der einzigen anwählbaren Startseite ja erst mal runter und das geht ja nicht, denn man hat ja noch nicht bezahlt. Schnauze voll, Laptop aus, ab in den “Palast”. Der “Palast” ist eine Spielhalle, die im Leib des Parkhauses “Bürgerhaus” klebt, in dem ich das Auto abgestellt habe. Ein Verschlag aus schmutzigem Glas mit DINA4-Blättern im Fenster, die “Internet Stunde 50 Cent” verkünden. Das sind 1700% weniger als bei der Telekom. Drinnen merke ich aber auch, warum. Es gibt vier Rechner, die so eng beieinander stehen, dass die Armlehnen der im Schlussverkauf erstandenen “Chefsessel” die Breite der Rechnernische überrragen. So stoße ich ständig mit meinen Armlehnen an die Armlehnen “Counter Strike”-spielender Jungaraber, die bei jedem Armlehnenstoß grimmig die dunklen Augenbrauen absenken. Im Rest des Raumes, der aus Geldspielautomaten und Teppichflecken besteht, halten die großen Brüder der kleinen Killerspiele-Reportage-Objekte einen Plausch. Sie sagen Dinge wie “Hasse ihm nisch gesagt, Mann?”, wobei das “hasse” zischt wie ein Messerwurf und das Mann sich so kehlig im Hals dreht, als folge ihm gleich der physische Schlag hinterher. Die Unterhaltung enthält weitere viele Zisch-, “sch”- und Kehlkopf-Laute sowie die Wörter Fotze, Nutte, Schlampe, Hurensohn, Hurenbock, Arschloch, Behinderter, schwule Sau und Opfer und ich beende meine Internetarbeit, stehe auf, zahle, sehe die Männer an und sage: “Bei aller Liebe, dafür hat Kant seinen Arsch nicht jeden Morgen um 4:45 Uhr aus dem Bett geschwungen.” Dann verlasse ich den Laden und schicke beim Hinausgehen noch ein leicht nachgewürgtes “Scheiße, Alter” hinterher.

Wieder im Hotel denke ich mir: Komm, nutz die Zeit noch bis zum Auftritt, installiere mal deine neuen Apple-Programme. Der Rechner sagt mir: Hurenbock, du musst dein Administratorpasswort eingeben. Ich kenne es nicht. Der Rechner sagt mir: Hurensohn, dann brauchst du die Installations-DVD, um alles krass behindert auf 0 zu setzen, du Spast! Ich schalte ihn aus, kaufe beim Hotspot 15 Minuten für zwei Euro und lese, dass Schmidt & Pocher wegen des Nazometers bald vor den Kadi gezerrt werden. Dann packe ich meine Sachen und laufe zum Kulturzentrum…

Heute Abend setze ich die ersten Minuten der Show schlicht in den Sand. Ich nehme statt eines roten Fadens gleich 15 blaue in die Hand, binde keinen zu Ende und stehe vor dem überschaubaren Publikum mit den Schnüren in der Hand, als wolle ich sagen: “Nanu, was ist denn das?” Dann werfe ich 14 Fäden weg und bleibe bei einem – meiner Befreiungstheologie des “Uncooles gut findens” und parliere über das Vergnügen, das darin steckt, Peter Maffay zu hören, Verschwörungstheoretiker zu lesen und unter lauter Studienräten und Literaturpreisträgern, die ständig behaupten, sie hätten daheim keinen Fernseher und kauften nur bei ihrem Bauern, beim Sekt laut und deutlich in die Runde zu sagen: “Ich spiele Playstation, sehe fern und fresse Paprika von Aldi.” Der Veranstalter ist nett und gibt mir trotzdem Geld. Im Hotel räume ich die vorhin wild auf dem Bett verteilten Sachen auf, rufe meine Lieben in der Heimat an und lasse mir eine Wanne ein. Diesmal ist das Wasser heiß.

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