Tourtagebuch Reloaded – 11.12.2007 Hamburg, Macht-Club im Schauspielhaus

Die erste Hartmut-Geschichte, die jemals geschrieben wurde, steht bis heute auf der Homepage des Macht e.V. in der Rubrik “Jägermeisterschaft” und heißt “Der Nein-Sager”. Damals war ich noch Veranstalter der Bochumer Lesebühnenreihe “Gestrandet” mit meinen Kollegen und Innen von Treibgut. Unsere ersten Gäste waren die Hamburger “Macht”-Autoren Sven Amtsberg und Michael Weins, später kamen immer mal wieder Autoren aus dieser Szene, die der literarischen Welt nicht nur das wegweisende “Hamburger Dogma” für reduzierteres und lakonischeres Schreiben, sondern auch eine tatsächlich “mächtige” Lesebühne bescherte, die immer wieder Hunderte von Neugierigen ins Schauspielhaus zieht und die nicht nur mich sehr geprägt hat. So bin ich heute Gast bei ihnen, der Kreis schließt sich und ich stapfe in Laternenlichtnieselregen auf das Schauspielhaus zu, dessen Leuchtreklame den Leseabend “Wohngemeinschaften” so ankündigt, als wäre er aus der Feder Heinrich von Kleists. Ein schöner Fehler. Das Schauspielhaus ist bereits imposant, das Maritim-Hotel Reichshof daneben ist es noch mehr. Eine geniale Symbiose: Lesen im alternativ angehauchten “Malersaal” des Schauspielhauses, wohnen im Nobelhotel mit Badewanne, dunklen Möbeln, schweren Teppichen, beigen Tapeten und gepflegter “Resident Evil”-Atmosphäre.

Der Abend ist erfrischend konzeptfrei. Eigentlich lesen die 2005er-Open-Mike-Siegerin Lucy Fricke, der Macht-Autor Hartmut Pospiech und ich unter dem Motto “Parasiten”. Deswegen sprüht jemand eifrig Nebel und trägt dabei einen Kammerjägeranzug. Die Moderatoren Maack und Posch allerdings sind verkleidet als Hamburger und Baguette, weil die Kostüme irgendwie noch rumlagen. Außerdem gibt es einen magischen Ofen, der die Bücher ausspuckt. Alles zusammen ist unfreiwillig improvisiert, dadaistisch und zum Brüllen komisch. Im Backstage schauen wir uns die Show an, wenn wir gerade nicht selbst dran sind und das Bild ist unglaublich: An einem Tisch liest jemand, hinter ihm sitzt ein Hamburger. Ein Kontrast, der besonders bei Lucys sehr ernstem Roman Durst ist schlimmer als Heimweh skurill wirkt, dem das Publikum genauso gespannt lauscht, wie es sich bei Hartmut und mir wegschmeißt. Dass alle drei Geschichten einen “Hartmut” innehaben und Pospiechs literarischer Mitbewohner Olli heißt, macht das ganze zusätzlich absurd. Der Open-Stage-Wettstreit “Doktorspiele”, bei dem Geschichten über “Dr. Graf” erdacht werden müssen, hat das erste Mal seit ewigen Zeiten zwei (!) komplette Freiwillige aus dem Publikum, die sich trauen, gegeneinander anzutreten. Eine der beiden beginnt ihre Geschichte mit dem Bild des Doktors, der mit zurückgezogener Vorhaut duscht und zugleich den Kopf in den Regen streckt, um die These zu überprüfen, dass sich Regen auf Eichel wie Glatze gleich anfühlt. Hinter der Bühne wird derweil exzessiv geraucht, nach der spaßigen, absurden, tollen Show gehen wir noch in eine Bar, wo alle außer mir und Benjamin Maack weiterrauchen, der übrigens auch ein grandioser Autor ist, Die Welt ist ein Parkplatz und endet vor Disneyland sollte jeder gelesen haben. Was Macht macht, macht Eindruck!

Im Hotel esse ich vollkommen kulturlos Baked Beans aus der Dose mit 89-Cent-Heidevesper-Brot, schaue “Dr. House” und blättere in 42 Spuren am Strand, dem Buch, in dem “5 Jahre Treibgut” zusammengefasst sind, erschienen bei einem Mini-Verlag, aber besetzt mit der Creme der Gegenwartsliteratur; Marcus Jensen, Björn Kern, Martin Becker, Jan Off, Matthias Schamp, Linus Volkmann, Frank Goosen, meine Wenigkeit und neben vielen tollen tollen Newcomern auch der Macht-Macher Michael Weins. Der Kreis schließt sich. Ich schließe Bohnendose und Buch, gehe hinaus in den Flur, laufe mit leisen “schuff schuff”-Geräuschen über den dunklen Teppich und warte darauf, dass die Killerhunde um die Ecke biegen. Tun sie nicht. Das Vorlesejahr 2007 endet friedlich und befriedigend.

Danke an alle, die dazu beigetragen haben!

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