Tourtagebuch Reloaded – 09.01.2008 Kiel, Weltruf

“Was ist mit dir los?” fragt Sylvia am Mobiltelefon, während ich im Regionalzug auf Kiel zulärme. “Bist du mies drauf? Du klingst so niedergeschlagen.” Nein, ich bin nicht niedergeschlagen, ich bin überbefüllt. Die ganze Fahrt von Capelle in Westfalen an habe ich geschrieben, notiert, erfunden und den Spiegel gelesen. Das Schreiben, Notieren und Erfinden geht ja noch, aber das Lesen des Spiegels nicht. Das Spiegel-Lesen ist wie zu viel Fernsehen, es macht matt und depressiv. Vor allem die Kunstseiten. Peter Handke hat seine Notizbücher an das Deutsche Literaturarchiv und einige Manuskripte an die Österreichische Nationalbibliothek verkauft. Jetzt, zu Lebzeiten und hohen Summen. Ein paar Fetzen sind abgedruckt oder zitiert, Tagebuchseiten. Auf einer steht: “Krankheit und Schmerz erscheinen mir immer mehr als Auswirkung einer Unfähigkeit, für andre sich zu öffnen; als Folge des Eingeschlossenseins in sich selber.” So hat auch Kafka Tagebuch geschrieben, aber der durfte das, der wollte, das alles verbrannt wird. Handke verkauft es schon jetzt der Öffentlichkeit. Ich stelle mir vor, wie er vor seinen “Tagebüchern” sitzt und jedes Wort schleift. Ich stelle mir vor, wie mein Tagebuch aussähe, schriebe ich wie Peter Handke. Es klänge wohl so:

“Neunter Januar, früher Abend. Ankunft in Kiel. Jens holt mich ab, in seiner unwirklich guten Laune und Fürsorge, die in mir, was mich beschämt , den Gedanken der Unmöglichkeit weckt. Unmöglich kann jemand stetig so heiter sein. Unmöglich so aufgehen in seiner Aufgabe. Künstlerbetreuer. Jens erzählt mir von den letzten Konzerten und wie froh er sei, mich wieder im Haus zu haben, er habe ein Bühnenbild aus Renovierungschaos, Matratze, Schlafsack, Spinnenweben und Plastikspinnen erstellt, außerdem die rauchende Berit als Schaufensterpuppe auf die Galerie gestellt. Ich sehe es und bin dankbar, vor allem die rauchende Berit ist pikant, gilt doch auch im Weltruf seit Beginn des Jahres Rauchverbot. Die berühmte Künstlerwohnung mit der gigantischen Badewanne und dem ehemaligen Lustbad fördert meine Unfähigkeit, mich für Bequemlichkeiten zu öffnen. Das Bad ist ein zu großes Angebot, um nur Option zu sein, es produziert mit der Möglichkeit allumfassender Pflege und Entspannung zugleich die Pflicht dazu. Ein “Verpassen” liegt in der Luft, badete ich nicht. Dies führt zu einem Eingeschlossensein in mir selber, handlungsunfähig vor der Kontingenz des Loslassens und Badens.”

So ungefähr müsste ich wohl schreiben, wäre ich Peter Handke. Mache ich aber nicht. Ich sage einfach nur: Danke, Kiel. Danke, Jens. Ihr baut mir ein Bühnenbild, ihr kümmert euch wie bekloppt, ihr sorgt für ausverkauftes Haus, in dem ein Publikum vor mir sitzt, das sich so amüsiert, dass ich spüre: Hier kommt alles an, hier fallen die Zuhörer in meinen Groove ein. Ich habe am Programm gefeilt, neben der hartmutesken Geschichte läuft nun meine Lebensgeschichte her, noch wilder und freier als früher und zugleich mehr auf den Punkt, ein Programm im Programm, mit dem sich offensichtlich viele identifizieren können. Auch die germanische Mythologie kommt noch mehr zum Zuge, Fabeln und Legenden um Yggdrasil, Nidhöggr oder Nagezahn, die Welterklärungs-Cartoons der alten Zeit. Zwei Männer, die nie etwas von mir gelesen haben, bekamen die Karten geschenkt und lobten mich nach dem Auftritt an der Bar auf Männer-Art. Ich hatte sie für mich gewonnen, live, aus dem Stand. So etwas macht glücklich. Handke würde sagen: “Heute beherrsche ich alles, ohne überflüssige Bewegung.” Handke hat in seinen jüngeren Jahren seine ehemalige Freundin Marie Colbin verprügelt, wenn sie den Dichter beim Schreiben störte. Das wird im Spiegel so erzählt, als gehöre es zu einem Künstlerleben dazu. Colbin erinnert sich: “Ich höre noch meinen Kopf auf den Steinboden knallen. Ich spüre wieder den Bergschuh im Unterleib.” Klingt fast poetisch, oder? Wo heute sonst Bergschuhe auf Unterleibe treffen, fordern Politiker 20 Jahre Boot-Camp im Hochland von Sibirien. Andere, die den Bergschuh sprechen ließen, verkaufen ihre Tagebücher an Literaturarchive. Ich habe mit all denen nichts zu tun. Ich bin barfuß…

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