Tourtagebuch Reloaded – 11.01.2008 Rheine-Mesum, Werk II

Rheine-Mesum ist ein Ort wie Ascheberg-Herbern, unser Dorf. Gute 8000 Einwohner, westfälische Provinz, eine Kirche, eine kleine Fußgängerzone, eine Landstraße, die mitten hindurch führt wie die Straßen in Lucky-Luke-Comics, die links und rechts die Saloons säumen. Mein Saloon ist heute das Werk II und meine Cowboyvereinigung, die mich eingeladen hat, ist der Trossekult e.V., ein Verein, der dafür sorgt, dass in der Provinz was los ist. Wie gut sie das machen, bemerke ich schon, als ich mich vor dem Auftritt ohne Navigator in die Gegend wage und bei einem entlegenen Getränkehandel nach dem Weg frage. Die schmutzig-weiße Halle liegt an einer Ausfallstraße raus aus dem Ort, nach ihr folgen nur noch ein Paar Wohnhäuser mit Sicherheitszaun und ein Waldweg nach Emsdetten. In ihr stehen ein paar Desperados um Getränke an, ein chinesischer Koch kauft tiefgefrorene Brötchen. An der Wand hänge ich, in Plakatform, mit Uhrzeit und Club. “Hallo”, sage ich zu der Frau am Tresen, während die Desperados mich wie einen Vordrängler mustern, Zahnstocher unter dem Schnauzer. “Das da bin ich. Ich suche den Weg zu mir.” Die Frau kassiert die Brötchen des Asiaten, lacht und erklärt mir, wie ich mich wiederfinde. Ich gehe zum Parkplatz, an den müden Gäulen der Desperados vorbei, steige auf meinen Bock und freue mich. Ein Veranstalter, der die Werbung bis hier draußen streut, hat Pfeffer im Arsch.

Das bestätigt sich im Werk II. Ich habe alles, was ich mir wünschen kann. Eine rustikal-schöne Bar, perfekte Technik, enthusiastische Vereinsmitglieder, viel euphorisches Publikum und einen Parkplatz direkt im Hof. Ein Vereinsmitglied sieht exakt so aus wie Jens Mayer, mein Chef für Rezensionen bei VISIONS. Das irritiert mich. Außerdem ist Martin da, der Sänger der Band Culm, die ich bekanntlich sehr schätze und der mich auf der ersten Tournee zu Hartmut und ich nach Rheine holte. Martin ist die Gegenthese zu dem Typus Mann, den ich in meinen Moderationen satirisch darstelle, diesem unselbständigen, ewig 15-jährigen Poststrukturalisten. Martin ist mit seiner Frau da und hat mittlerweile ein Kind daheim, die beiden sind auf Haussuche. Ich schreibe das nicht lobend, weil Ursula von der Leyen es von mir verlangt, sondern weil Martin keine Angst vor Verantwortung hat. So etwas mag ich, es flößt mir Respekt ein. Martin trägt heute keinen Colt. Niemand hier, denn wir sind unter uns, Hartmutianer, wir stacheln uns während des Auftritts gegenseitig auf, ich nehme ein heißes Fußbad und habe bei der Show mächtig Spaß. “Unperfekt sein” zum Schluss, “Closeline” mal wieder auswendig, dann überfallen mich Kopfschmerzen, weil ich im Laufe des Tages zwar zwanzig Kaffee und eine Peperonipizza, aber kein Wasser zu mir genommen habe. Ich packe den Wagen, rufe meine Süße an und gehe danach noch lange in Mesum spazieren, ein Mariachi in der Nacht. In einem Fenster flackert eine Petroleumlampe. Ich sehe, wie ein Gewehr sich zurückzieht. Sie spüren, es gibt keine Gefahr. In einem Haus am Waldrand schiebt der kleine Chinese Brötchen in den Ofen.

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