Tourtagebuch Reloaded – 13.01.2008 Lüdinghausen, Rocksteady

Der Veranstalter hat sich vertan. Er hat eine geile Bar, aber er hat sich vertan. Bekam mich durch einen Freund vermittelt, sagte zu, baute sein Geschäft auf – eine tolle, junge, rauchfreie Kneipe für Ska, Raggae, Rocksteady und Lounge – und vergaß, wen er sich vor einem halben Jahr ins Haus gebucht hat. Dachte, es sei halt ein westfälischer Dichter, ein Poetry Slammer, ein Häschen. Kannte Uschmann nicht. Hatte zuviel um die Ohren mit den Konzerten und dem Geschäftsaufbau. Machte gar keine Werbung. Das kann passieren und Geschäftsaufbau – vor allem unprätentiös rauchfreier – ist zu loben, doch so wird das Ganze zum unfreiwilligen Geheim-Gig. Nur ein paar Leute sind da, im Hintergrund futtert die Stammkundschaft, vier der paar Leute kenne ich persönlich. Ich bin wieder barfuß und nackt, alle Prominenz ist von mir gefallen, ich sitze nicht vor zig Dutzend Hartmutianern, sondern muss mich, wie man so schön sagt, “wieder ganz neu beweisen”. Das klappt wohl, denn zwei junge Frauen, die durch Zufall zuhören, kann ich für das hartmuteske Denken und Lesen gewinnen. Das rettet den Abend, das freut mich. Der Veranstalter bedauert, diese Chance verschenkt zu haben und ist ein wenig geknickt; wir nehmen uns vor, es das nächste Mal um so besser zu machen. Auf dem Weg zum Auto komme ich an einer Kneipe vorbei, in der noch geraucht werden darf und traue meinen Augen nicht. Auf einem Hocker neben der Bar sitzt Chris Rea und spielt “One Golden Rule” vor 15 Zuschauern. Ein Mann, der vor der Tür neue Zigaretten zieht und sich seit 12 Tagen nicht rasiert hat, sagt: “Der Wirt hatte gewechselt, nachdem das Konzert gebucht worden war. Der neue Wirt wusste nicht, wer Chris Rea ist. Stand nirgendwo drin, dass er heute spielt.” Ich starre in den Laden. Chris Rea gibt sein Bestes, spielt “Josephine” und eine Frau, die durch Zufall dort war, bricht vor Rührung zusammen. Ich gehe hinein, schaue mir den Rest des Konzertes an und plaudere mit dem Mann, als er seine Gitarre einpackt. Er hat kein Hotel. Ich nehme ihn mit nach Hause. “Schatz, ich habe Chris Rea dabei!” rufe ich, als ich aufschließe. Sylvia sagt “schön, schön, wir machen ihm die Couch fertig!” Chris Rea schläft in meinem Büro, in der vorderen Hälfte mit dem Beamerkino. Am Beamerkino ist eine Playstation mit “Guitar Hero” angeschlossen. Der Mann leckt Blut und spielt die ganze Nacht, da sein Ehrgeiz geweckt ist. Noch um vier Uhr tönen leise die Licks nach oben.

Am nächsten Morgen bringe ich Chris Rea zum Bahnhof. “Beat this hell of a game”, brummt er, als wir auf den den Lünener nach Münster warten. Dann zeigt er mit seiner Zigarette nach links. Ein paar Meter neben uns steht Phil Collins auf dem Bahnsteig. Wir sprechen ihn an. Er hatte gestern einen Gig in Nordkirchen. Die Veranstalter hatten das Ganze aus Versehen als “Still Collins” angekündigt, diese Coverband, die häufig in NRW auftritt. Er spielte vor 50 Menschen und übernachtete beim Fahrrad- und Muliverleiher neben dem Bahnhof Capelle in der Werkstatt. “Phil!” – “Chris!” Freude, Umarmung, ein nettes Wiedersehen. Zehn Minuten später verschwinden die Stars im Regionalexpress und vergessen mich fast vor lauter innigem Small Talk. Dann winken sie doch. Und mir ist klar: Wahrscheinlich finden jeden Tag um die Ecke von uns allen Auftritte statt, von denen wir nichts wissen. Robbie Williams in Selm, Woody Allen in Olfen und Dieter Nuhr in der Teeküche des Gartencenters. Glaubst Du nicht? Beweise mir das Gegenteil! Der Baum fällt auch im Wald, wenn niemand es beobachtet hat…

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