Tourtagebuch Reloaded – 31.01.2008 Marburg, KFZ

Als ich auf Marburg zufahre, singt Bryan Adams “Summer Of 69″, nachdem der Verkehrsfunk mir versichert hat, dass die Staus alle im Ruhrgebiet geblieben sind. Der Ich-Erzähler schwärmt vom Sommer seiner Jugend, als alle noch “young and restless” waren und beschwert sich, wie schnell der Freundeskreis sich Richtung Hochzeit, Auswandern und bürgerlichem Leben verabschiedete. Nur er scheint immer noch in der Schwebe zu hängen, hasst seine Gegenwart und denkt an die “best days of my life”. Ist das nicht ärmlich? Ist das nicht die Art Mann, die niemand braucht? Die anderen scheinen doch ganz zufrieden zu sein mit ihren Kindern und den Carports. Er kann das nicht, aber anstatt den Popo zu bewegen und sich ein Leben zu bauen, das ihn befriedigt, sitzt er larmoyant in der Gegend herum und schwärmt seiner Jugend hinterher. Ich-Erzähler im Mainstream-Rock sind häufig so. Selbstmitleidsjammerlappen. Es ist kein Wunder, dass Phil Collins mehrfach geschieden ist. “Please don’t ask me how I feel, I feel fine…”, gesungen mit brechender Stimme. “Doesn’t anybody stay together anymore?”. “Uhhh lord I wish it would rain down, down on me…” Undsoweiter. “Ich habe den Frauen immer gesagt, dass ich im Grunde nur arbeite und keine Zeit habe”, hat er mal im Interview gesagt. Ein Selbstsaboteur der Spitzenklasse. Nach jedem Liebeskummer ein Album. Ich habe keinen Liebeskummer und lebe von hartmutesker Komik statt balladesker Trauer und so genieße ich im KFZ einen Auftritt, bei dem alles stimmt. Das Drumherum (Hotel mit Wanne und Gratis-WLAN, Parkplatz auf dem Hof, liebevolles Catering, professioneller Techniker, Wahnsinnsservice) und Mittendrin, denn mir gelingt eine flüssigere Verknüpfung der Elemente, was um so wichtiger wird, je assoziativer ich zwischen kabarettistischer Beschwerde gegen die Volkserzieher, Erzählen meiner eigenen Biografie als Nerd und Ausmalen der germanischen Schöpfungsmythen hin- und herspringe.
Nach der Show lerne ich von einer Zuhörerin, was ich da eigentlich veranstalte, wenn ich in Wandelgermanen die germanischen Neuheiden, den heiligen Restaurateur Leuchtenberg sowie “meinen” Schöpfergott Bob Ross aufeinanderprallen lasse und währenddessen noch die “geschriebenen und ungeschriebenen Gesetzen” der Gesellschaft entlarve. “Sie pflegen den Diskordianismus”, sagt die Frau, das solle ich mal nachschlagen. Gesagt, getan. Wikipedia erklärt: “Als Diskordianismus (v. lat.: discordia ‘Zwietracht’) versteht sich eine Glaubensgemeinschaft um die griechische Göttin Eris bzw. die römische Göttin Discordia, die sich in Form einer Religion/Religionsparodie oder einer scherzhaften Pseudo-Religion äußert. Ihre Anhänger bezeichnen ihre Anschauungen selbst sowohl als “Religion, getarnt als komplizierter Witz” als auch als “komplizierten Witz, getarnt als Religion”. Die Definition “sowohl Witz als auch Religion” entspricht dem angewandten Diskordianismus (Operation Mindfuck). Dieser hat das Ziel, Verwirrung zu stiften, zum Nachdenken anzuregen, Dogmen zu brechen und Strukturen aufzulösen sowie neue Sichtweisen zu eröffnen.” Gerade der letzte Satz kann zugleich als perfekte Definition für das gelten, was wir mit “hartmutesk” meinen. Liest man weiter, positioniert sich der Diskordianismus augenzwinkernd zwischen Dada, Radikalkonstruktivismus und Individual-Anarchie, mit Ablehnung üblicher Autoritäten und Denkmuster sowie Mottosätzen der Art: “Wir Diskordianer müssen auseinanderhalten.” Somit erkläre ich mich hiermit nicht nur zum hartmutesken Humanismus, sondern auch noch zum Diskordianismus. Nach dem Auftritt rufe ich Sylvia an und hüpfe im Backstageraum in meiner typischen Auftrittserzähleuphorie auf und ab, während ich quietschende, unmännliche Geräusche und Geheimcodes mache, die Belegschaft in der Tür. Dann zeigt mir mein VISIONS-Kollege Steffen die romantisch beleuchteten Fachwerkgassen Marburgs und spätestens, als in dieser Wirklichkeit gewordenen Mischung aus Hogwarts, “Lure Of The Temptress” und Kafkas Schlosshügel der Schnee durch das Laternenlicht fällt, wird aus dem Diskordianer wieder ganz kurz ein Romantiker. Im Hotelzimmer will ich eigentlich sofort ins Bett, doch hat sich ganz von alleine die Badewanne gefüllt sowie der Laptop eingeschaltet. In der Wanne duftet der Schaum, auf dem Bildschirm warten die gemütlichen alten Herren vom “Computerclub” auf mich, deren Stimmen für meine Ohren das Methadon für den leider aus dem Netz genommenen Bob Ross sind. Der Abend endet zwischen Schaumbläschen und 45 Nanometer kleinen Transistortechniken. Irgendwo im Nebenzimmer jammert Bryan Adams’ Ich-Erzähler, dass in seiner Jugend alles besser war. Ich für meinen Teil stimme ihm glücklicherweise überhaupt nicht zu.

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