Tourtagebuch Reloaded – 07.02.2008 Saarbrücken, Aula der Universität

Ich sitze im Zug, fahre durch das Weinberg- und Fachwerkidyll der Moselregion und denke über Vaterfiguren bei “Lost” nach. Benjamin Linus ermordete seinen Vater und die “väterliche”, kollektivistische Dharma-Initiative gleich mit und wurde so Teil der “Anderen”, der “Wilden”. Sein Vater war Alkoholiker und gab Benjamin die Schuld am Tod der Mutter bei seiner Geburt. Claire jagte ihren ebenfalls trinkenden Vater samt Haus in die Luft. Jin verleugnet seinen Vater wegen seiner Herkunft und muss für den Vater seiner Frau – einen Mafiaboss – arbeiten, weil sie seiner echten Mutter Schutzgeld bezahlte, damit die ganze “Schande” seiner Familie (sie war eine Hure) nicht herauskommt. Hugos Vater verschwand für 15 Jahre und glaubt, nach seiner Rückkehr einfach so “auf Vater machen” zu können, ein Vorhaben, dass Benjamins Erzeuger kurz vor seinem Tod oben auf der großen Ebene genauso vorhatte, kurz bevor sein Sohn ihn im VW-Bus vergaste. Es ist Hugo, der seine Leiche findet, der unbedingt diesen Bus fahren will und der das Bier trinkt, mit dem der Vater zur “Wiedergutmachung” anstieß. Locke schließlich soll Benjamins Gründungsritus wiederholen, um dem Geheimnis der Insel näher zu kommen – Vatermord. So denke ich nach, den Blick auf den Weinbergen, frage mich, ob Kafka, Freud, Lacan und Derrida diese Serie heute lieben würden und werde unterbrochen, als wir das Moselgebiet hinter uns lassen und draußen das Saarland beginnt. Brettervernagelte Provinzbahnhöfe, Ruinen, aus denen die Flechte wächst. Zwei junge Männer steigen zu und spielen ein Spiel. Der eine sagt, langsam und betont, wie man es im Sprachunterricht tun würde: “Ich steige gleich in Dillingen aus!” Daraufhin antwortet der andere mit einer 120 Dezibel lauten, indirekt an alle Mitreisenden gerichteten Stimme: “Aha, du steigst also gleich in Villingen aus?” Daraufhin wiederholt sich das Spielchen: “Nein, ich steige gleich in Dillingen aus!” – “Ahhhh, du steigst gleich in Sillingen aus?” Da auf Dillingen das nicht minder verfallene Saarlouis folgt, schrauben sich die Wortspiele der beiden im Verlaufe der nächsten Stunden in dadaistische Gefilde. “Ich steige gleich in Saarlouis aus!” – “Ahhhh, du steígst gleich in Paraplui-Susamuli aus!” Das Faszinierende an diesem Geschehen ist der Stoizismus, mit dem die beiden ihren Nonsens durchziehen. Hartmut würde sagen, erst durch diese gnadenlose, Kleinkindern ähnliche Repetition der immergleichen Idee, deren Substanz für eine mehrstündige Darbietung “eigentlich” nicht ausreicht, wird das Spiel bewundernswert radikal. Schließlich lacht niemand, es gibt keinen Applaus, das Publikum fand den Witz schon nach 5 Minuten nicht mehr lustig. Die lautstark durchgehaltene Schleife ist folglich unökonomische Kraftverschwendung und dadurch autistisch-authentische Kunst, auch wenn die beiden immer mal wieder in den Waggon schielen wie Betrunkene, die sich wahnsinnig witzig finden und nach Anerkennung ihrer Fähigkeiten fischen.

Nach Anerkennung fischen auch die Teilnehmer von Kurzgeschichtenwettbewerben. Üblicherweise. In Saarbrücken ist das ein bisschen anders, denn von den fünf ausgewählten Finalisten des AStA-Geschichten-Wettbewerbes sind nur drei überhaupt erschienen. Sie lesen vor meinem Programm, ich fühle mich in alte Zeiten versetzt. Der später zum Gewinner gewählte Autor gefällt mir, da er hartmuteske Ideen hat. Ein anderer kann schreiben, aber nicht lesen. Er liest, wie fast alle Nachwuchsautoren lesen – schnell, leise, ohne Punkt und Komma, wie ein Kaninchen, das sich unter einer Feuerlöschdecke versteckt und nur schnell fertig werden möchte. Eine junge Frau führt einen Suizidmonolog in Kirchentagssprache aus. Mein hartmutesker Humor danach kann das Publikum in der übergroßen Aula Voltaireseidank ebenfalls erobern. Das ist nicht selbstverständlich, denn “das Saarland ist eine Welt für sich”, wie mir der Veranstalter im Auto erzählte. Allerdings haben sich einige Wandelgermanen offenbar bis hierhin durchgeschlagen, denn es befinden sich Fans des Buches im Publikum, Vertraute von Ernst und Siegmund, Freunde meines Schöpfergottes Bob Ross. Dem Anlass des Kurzgeschichtenwettbewerbes gemäß lese ich “Wortstrudel” aus der Treibgut-Anthologie. Am Ende improvisiere ich wieder “Closeline” aus dem Kopf und höre sehr nette Worte am Büchertisch; erstaunlich viele Menschen haben hier eine Verbindung zu den Orten der Romane, zum Ruhrgebiet und sogar zur Hohenloher Ebene. Ich plaudere noch ein wenig mit einem Redakteur des Kulturmagazins Opus, das den Abend mitpräsentierte. Der Mann beklagt sich, dass sich niemand mehr für Kultur interessiere und erzählt von einer Studie, die aufzeigt, dass das Trash-Fernsehen auch von bildungsnahen Menschen geschaut wird. “Sie haben das ja selber gerade schön dargestellt”, sagt er und spielt darauf an, dass ich in meiner Moderation davon erzähle, wie sehr meine Dichterjugend von Videospielen oder Wrestling geprägt war. Ich traue mich nicht, zu sagen, dass das nicht als Satire gemeint war. Auch nicht als generationsgefühlgeiles Erinnerungsghetto. Einfach nur als Feststellung. “Da müssen wir gegensteuern”, sagt er und ich frage mich, warum Kulturfreunde immer steuern, lenken und erziehen wollen. Das hat die Dharma-Initiative auch schon nicht hinbekommen. Auf dem Weg zum obskuren, von der Einrichtung her den Lost-Stationen ähnlichen, aber mit Wanne und Pool ausgestatteten Hotel Meran, stelle ich mir vor, wie die Jungs von der Hinfahrt sich nach dem Aussteigen unterhalten. “Hat wieder keinen Anklang gefunden, unsere Improvisation.” – “Die Menschen begreifen den Situationismus nicht mehr.” – “Nein.” – “Da müssen wir gegensteuern.” Natürlich würden sie das nicht tun. Sie machen einfach weiter, mögen die Reisenden sie verstehen oder nicht. Manchmal ist das der beste Weg.

This entry was posted in Tourtagebuch 2008 and tagged , , , . Bookmark the permalink.

Comments are closed.