Tourtagebuch Reloaded – 28.02.2008 Aachen, Autonomes Zentrum

Gene Snitsky ist ein Wahnsinniger. Besser gesagt: Er spielt einen Wahnsinnigen. Gene Snitsky ist Wrestler, kommt in Mullbinden und mit irren Augen in den Ring und kämpft auch innerhalb der Inszenierung so hart, das ab und an ein Berufskollege liegen bleibt und die Sanitäter nicht deswegen kommen, weil es die Storyline verlangt, sondern weil er wirklich nicht mehr aufstehen kann. Trotzdem würde ich – wäre ich Wrestler – gegen Gene Snitsky antreten, denn das hätte seinen Rahmen. Es gäbe einen Vertrag, ein Drehbuch, einen Handschlag und dann hieße es eine Woche später: “And his opponent, from the valleys and forests of Germany, weighing 182 pounds: the “Wandelgermane” Bare Feet!” Es wäre gefährlich, aber es wäre geplant.
Nicht geplant ist der Zwischenrufer, der heute Abend im Autonomen Zentrum Action macht. Flugblatt und Presse kündigten an, dass es bei der Lesung auch die Möglichkeit geben werde, Fragen zu stellen. Das ist ein Muss in einem Autonomen Zentrum, denn reines Zuhören gilt hier als Konsumismus und somit nahezu als protofaschistisches Schäfchentum. Ich kenne das ja von früher, zuletzt las ich hier vor sechs oder sieben Jahren als Propagandaminister der linken Gruppe IMUN und klärte das Publikum über die Schweinereien von multilateralen Investitionsabkommen und Patenten auf Gene auf. Es waren fünf Zuhörer da. Drei vom Veranstalter und die zwei echten Besucher, die waren wahrscheinlich vom Verfassungsschutz. Heute sind 50 da und dass die einfach nur lachen und klatschen, das regt den Zwischenrufer auf, der einen schlaffen Iro trägt und mich nach meiner Bemerkung, dass ich Kampferfahrung auf Antinazi-Demos habe, in schroffem Ton fragt, warum die Antifa denn bitte so gegen die Punks anstänkern würde. Diese Frage kann ich ihm nicht beantworten und nur sagen, dass dies in Bochum damals nicht der Fall war und ich das Lagerdenken der Szene immer verachtet habe. Das reicht ihm nicht und so grummelt er am Eingang mit einem winzigen, sehr giftig wirkenden Kumpel den Rest der Lesung herum, als verachte er dieses Spektakel, bei dem ein gut bezahlter Ex-Aktivist vor Menschen Räuberpistolen erzählt, deren Hintergrund sie überhaupt nicht verstünden. Die kleingeistigen Nischenkämpfe der Szene scheinen ihm das höhere Bewusstsein im Vergleich zur heiteren Haltung Jochens aus den Hartmutgeschichten, der auf seinem Balkon über den Demos steht und somit den Überblick behält. Ich muss sagen: Der Mann bringt mich etwas aus dem Tuck. Vor der Pause war ich auch aus dem Tuck, aber vor allem deswegen, weil wir die Laptop- und Beamertechnik nicht richtig in den Griff bekamen und ich von der neuen Wandelgermanen-Homepage nicht alles so zeigen kann, wie ich wollte. Ich löse das Problem durch gezielt eingesetzte Konfusion und genieße das chaotische Improvisieren. Die Leute augenscheinlich auch. Applaus und Gelächter sind ausdauernder als bei so mancher Buchhandelsshow.

Nach dem Auftritt habe ich ein gutes, langes, hochinteressantes Gespräch mit einem jungen Mann, dessen üblicher Freundeskreis – sagen wir es so – dem politischen Spektrum des Autonomen Zentrums ungefähr so nahe steht wie King Crimson dem Punkrock. Der Mann ist ein Fan, hat Ahnung, ist sehr sympathisch und erklärt mir in unnötig vorsichtigen Worten, dass ich locker mal doppelt so viele Menschen in Aaachen angezogen hätte, hätte ich nicht ausgerechnet im AZ gelesen. Er habe keine Probleme damit und schaue sich hier auch gerne Bands an, aber für andere sei die “Hemmschwelle”, so einen Bunker zu betreten, sehr hoch. Ich erkläre ihm, dass ich mit Alex vom AZ von früher gut bekannt bin (der übrigens mit dem “Plattenbau” in der Viktoriastraße einen der liebevollsten und schönsten Plattenläden der ganzen Republik betreibt) und denke mir im Stillen, was sich vielleicht einige denken, die früher selbst Stammgast in der linken Subkultur waren: Dass die Macher solcher Läden viel freundlicher und weiser sind als ihr Stammpublikum. Der Zwischenrufer und sein kleiner Kumpel treten hinzu, rauchen wie Schlote und sagen: “Sach ma, hast du dich vorhin von uns angegriffen gefühlt? Ich hab doch bloß ‘ne Frage gestellt, was?” Der Kleine sagt: “Ja, und wir haben das dann an der Tür weiterdiskutiert und wurden fast rausgeworfen deswegen.” Ich durchschaue sofort die Lage und werde milde. Ich kenne solche Leute von früher. Was sie “Diskutieren” nennen, muss die Außenwelt für Pöbeln halten. Motzen ist für sie Aktivität, Klatschen ist Konsum. Ich plaudere mit ihnen über Antifa, Punker und Grabenkämpfe, der Punk erzählt, dass er Sohn einer Indianerin und obdachlos sei, er weiß nicht genau, ob er sich entschuldigen oder mich dazu bringen will, einzusehen, dass mein Frontmodell “Popliterat liest – Publikum lacht” dem antikapitalistischen Kampf nicht zuträglich ist. Es ist, als würde Gene Snitsky mich im Ring packen, eine Powerbomb ausführen wollen und sich dann mitten im Griff umentscheiden, um einen Backbreaker daraus zu machen. Das Ergebnis wären üble Blessuren bei beiden. Deswegen hat Wrestling ein Drehbuch. Autonome Zentren haben keines. “Es kommt schon vor, dass wir hier Punkcafé machen mit kostenloser Volxküche”, erzählt Alex hinterher, “und von 50 Leuten hast du dann zwei Punks, die eine halbe Flasche Wodka leersaufen und danach nach Freibier schreien.” Kriegen sie keins, ziehen sie dem Kellner eine Flasche über den Kopf. Als Alex in einem Programmkino den sehr guten Dokumentarfilm “Jericho’s Echo” über die Punkszene in Israel zeigte, pöbelten zwei Straßenpunks im Saal herum und beschimpften die Regisseurin als Schlampe. Alex und die anderen Veranstalter trugen sie raus. Eine Hippiefrau heulte herum: “Ihr redet von Freiheit und tragt hier die Leute raus. Das ist nicht richtig!” An einem Konzertabend warfen zwei Leute einen Veranstalter des Hauses die steile, unnachgiebige Treppe zum AZ-Bunker herunter. “Ich bin nicht der Mensch, der sich prügelt”, sagt Alex, “aber hier musste es aus Notwehr schon zwei Mal sein”. Wir können uns darauf einigen, dass es angenehmer ist, wenn man sich wenigstens vorher verabredet, um sich auf die Fresse zu schlagen, Freiheit und Spontaneität hin oder her. Wir können uns darauf einigen, dass es angenehmer sein muss, gegen Gene Snitsky zu kämpfen, als sich manchmal den Unwägbarkeiten auszusetzen, die manche Menschen aus der Szene als spannenden Einspruch empfinden.

Gegen Mitternacht bringt mich der Fan, dessen Freunde sich nicht ins AZ trauen, zum Wagen. Er hilft mir beim Tragen. Ich half zu Beginn des Abends selbst bei der Bestuhlung. Wir sind alle so geerdet, das erregt einen fast, oder? Ich verabschiede mich von dem jungen Mann, der sich fürs Kämpfen auch lieber ganz gezielt verabredet, stelle nach 15 Minuten fest, dass ich zu müde bin, um im strömenden Regen Heimzufahren und nehme mir am Stadtrand ein Zimmer im Etap, der obskursten Erfindung, seit es Hotels gibt. Im Fernseher schreit mich Jürgen bei Neun Live an, doch bitte eben anzurufen, sein Knopf sei heiß. Ich erlöse den Mann nicht, simuliere mit einem Ersatzkissen ein paar Powerbombs im Wrestlingring, verkünde “Bare Feet” als Sieger gegen Gene Snitsky, schnaufe, als hätte ich eine blutige Nase, recke die Arme zum Sieg in die Luft und krieche unter die Decke.

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