Tourtagebuch Reloaded – 13.03.2008 Leipzig, Panam Café

Meine Doppelperformance mit Matthias Keidtel gehört zwar zur “Leipzig liest”-Reihe im Rahmen der Buchmesse, aber das Panam Café liegt so versteckt hinter einem Wall hoher Häuser, dass man nicht das Gefühl hat, der Gig hätte irgendetwas mit dem Messerampenlicht zu tun. Das Dreieck aus alten Hausgiganten, einem mit einem absurden dreistöckigen Parkhaus versehenen Mini-Aldi und einer kleinen Grünflache mit knorrigen Bäumen wäre Tatort-reif. Trotzdem finden Menschen dorthin, die uns nicht einmal kennen, sondern die Ankündigung in den Messeheften gefunden haben, in der stand, dass wir beide heute Abend erschöpfend die unfreiwillige Komik und das Wesen des neuen Mannes erklären. Das machen wir dann auch. Matthias spielt den etwas trägen und etwas mehr ahnungslosen, eben holm-artigen Introvertierten, der absurderweise aus Berlin kommt, während ich die hartmuteske, aufgedrehte, in jeder Minute zwanzig Bezüge zu Philosophie, Noiserock und Wrestling aus der Luft greifende Rampensau gebe, die extra aufs Land nach Herbern gezogen ist, weil man auf dem Dorf als Fischer-Autor der hofierte König ist. Da beide Rollen einen wahren Kern haben, ergibt sich unser Zwiegespräch übers Mannsein, die Provinz, die Frauen, die Unfähigkeit und von Mutter geführte Sparkonten, an die man erst mit 60 herankommt, sehr organisch und wir haben großen Spaß daran. Da wir großen Spaß daran haben, hat auch das Publikum großen Spaß daran. Der Laden, in dem bislang vor allem Konzerte zwischen Indie-Songwriter-Schule und Postcore stattfanden, ist gut gefüllt und es schmeichelt uns, nach dem Auftritt am Büchertisch wie die Stars der Buchmesse behandelt zu werden, egal ob aus Berlin oder Herbern. “Am Samstag kann man uns im neuen Rathaus bei SPUTNIK-Pop noch mal sehen”, sagt Matthias am Schluss und es klingt, als wären wir schon seit Wochen auf gemeinsamer Tour wie Lionel Richie und Peter Alexander, die heute Abend neben Unsane, Neurosis und Barry White unsere Lieblingsbezüge in der Musik waren. In der Philosophie waren es Luhmann und Fichte. In der Hartmutgeschichte “Der Menschen-Messie” schlug ich ein intertextuelles Wurmloch in Holms Welt und konnte dies heute auch erstmals mit dem Bewurmten selbst live vortragen; auf der Bühne planen wir dann noch, in unseren kommenden Romanen ähnliche Szenen parallel aus verschiedenen Perspektiven zu erzählen, also ein Wurmloch in beide Richtungen zu öffnen.

Da das Hotel, in dem ich wegen meines Tagsüber-Haupt-Engagements als Moderator des Café GALORE mit meinen Kollegen wohne, recht außerhalb im Vorort Wiederitzsch ist, herrscht nach dem Aussteigen aus dem Auto um mich herum die Stille eines um Mitternacht vollkommen leer daliegenden Wohnviertels. Ich nehme mir noch ein Snickers aus dem Auto und beschließe, eine Runde spazieren zu gehen, um mein Auftrittsadrenalin verfliegen zu lassen. Nach einem Kilometer kommt mir eine Silhouette entgegen. Sie ist recht klein, von breiter, furchenreicher Gesichtslandschaft und vollem, aber leicht wirrem Haar. Ein Mann. Er trägt einen Mantel mit großen Knöpfen und weitem Kragen. Er raucht und denkt, ab und zu einen interessierten Blick in die wenigen erleuchteten Fenster werfend, als hätte erst sein Blick selbst diese zum Leuchten gebracht und ihnen Bewohner mit einer Lebensgeschichte geschenkt. Es ist Johann Gottlieb Fichte. Mein Atem geht flach, als ich ihn passiere. Er dreht nur ganz sachte den Kopf und sagt: “Wurmloch!” Dann zieht er an seiner Zigarette, nimmt den Kopf tiefer zwischen den Mantelkragen und spaziert lachend davon.

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