Tourtagebuch Reloaded – 15.03.2008 Leipzig, Neues Rathaus (Litpop-Festival)

MDR Sputnik ist für Leipzig das, was Eins Live für Köln darstellt und so ist die allererste Litpop im Neuen Rathaus eine dementsprechend bunte, schnelle und hippe Veranstaltung. Sie ist prinzipiell das absolute Gegenteil der wuchtigen und ausladenden Architektur des Rathauses mit einem Meter breiten Marmorgeländern an vier Meter breiten Treppenaufgängen, endlosen Fluren mit riesigen Türen und einem Innenhof, auf den die zahllosen Fenster der ihn umschließenden Fassaden wie lauter kleine Facettenaugen hinabblicken. Es ist mir kaum möglich, in diesen Mauern NICHT an Kafka zu denken, als ich im “Catering” für die Künstler nach Messetag und Parkhaussuche auf eine Couch sinke und der schlaksige Jens Friebe an mir vorbeiläuft, der nach Matthias Keidtel und mir im Erdgeschoss (der Unteren Wandelhalle) auftreten und auf den Sesseln des Digi-Literaturssenders Lettra interviewt werden wird. Jürgen Domian und Bruce Darnell kommen später auch noch, sie werden auf der Bühne der Oberen Wandelhalle stehen, irgendwann sollen auch die Helden spielen, die wir heute morgen ebenso wie Domian auf der Messe beim Café GALORE auf der Interviewcouch hatten; gestern Abend wiederum saß Darnell im MDR Riverboat-Talk im Fernsehen mit Winfried Glatzeder, der bei uns morgen kommt. Es werden alle an alle durchgereicht in diesen vier Tagen, die Medien und Veranstaltungsbüros sind eine Gäste-Durchreich-Maschine, aber was beschwere ich mich, Matthias und ich haben schließlich auch unseren zweiten Auftritt in drei Tagen und diesen nicht ganz egalitär an ein paar unbekannte expressionistische Dichter aus Wiederitzsch abgegeben. Wir sind um 18:30 Uhr dran und eröffnen das Programm auf der großen Bühne des gigantischen Rathausfoyers, 80 Leute auf hippen bunten Lederhockern und Bänken vor uns, wir zu zweit in Ledersesseln mit Headsets und raumfüllendem Sound, der durch Marmorgeländer, Lüster und Deckenverzierungen scheppert. 60 Minuten sind kurz und so machen wir unsere Feuerstein-Schmidt-Nummer als “Männerbeauftragte” der deutschen Gegenwartsliteratur, Matthias als trockener Loriot und ich als lautes Krawallcrossaint mit kalorienreicher Theoriefüllung. Es klappt von Minute zu Minute besser, bis wir aufhören müssen. Um 20:15 Uhr versuchen wir dann an der kleinen, mobilen, wie ein DJ-Pult wirkenden Moderatorenstation des MDR, die an der anderen Seite der Halle steht, in ungefähr 9 Minuten alles Wichtige zum “modernen Mann” in der Trilogie Keidtels und der Endloslogie Uschmanns zu sagen und ganz Medienprofi dem Tempo des Radios gerecht zu werden, was heute Abend erstaunlich gut gelingt. Danach sage ich Adieu zu aller Party und zum Nachtleben Leipzigs, denn ich bin – im Beginn einer Grippe und seit Tagen nonstop als Moderator des Café GALOREs sowie Autor mit Geschäftsterminen auf der Messe Präsenz zeigend – nur noch unendlich müde. Auf der Wand des ersten Treppenabsatzes, der allein so groß ist wie manch Zweizimmerwohnung in Frohnhausen, flimmert in 5×5 Metern das Logo der Litpop. Ich werfe einen letzten Blick darauf, die Körperfunktionen schon halb heruntergefahren, und sehe für einen kleinen Moment einen mit kargen Strichen gezeichneten Käfer am “P” von Pop kratzen. Dann macht es “Pluck” auf der Bühne, Jens Friebe spricht und das Tierchen ist verschwunden.

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