Tourtagebuch Reloaded – 09.04.2008 Köln, Kulturladen Zollstock

Der Kulturladen Zollstock ist ein Raum wie ein kleines Wohnzimmer. Ein Wohnzimmer mit Schaufenster. 35 Quadratmeter, die “Bühne” zehn Zentimeter “hoch”, vier Scheinwerfer und eine kleine Musikanlage, doch sonst keine Technik. Axel Gottschick wäscht sich nebenan im Bad die Hände und ruft, er komme gleich. An der Tür seines Büros hängen Bilder, die seine kleine Tochter gemalt hat sowie ein ausgeschnittenes Zitat von Robert Walser: “Niemand hat das Recht, mich so zu behandeln, als kenne er mich.” Im Büro hängen noch mehr solcher Zettel, einer sagt: “Wenn du willst, dass du etwas Neues erlebst, musst du etwas tun, was du doch nie getan hast.” Wir machen das heute, wir beide. Axel Gottschick und ich. Die kleine Bühne, die er hier im Stadtteil Zollstock erschaffen hat, beherbergt sonst Themenabende, bei denen er gemischte Texte der ganz Großen vorträgt: Kleist, Kafka, Hesse. Sein Stammpublikum sind ältere Literatinnenkreise. Einen Autor der jungen Generation hat er noch nicht gebucht. Er war etwas ängstlich, ob ich ihm das kleine Haus vollmachen kann, wenn wegen der Semesterferien gerade meine “Zielgruppe” nicht in der Stadt sei, doch heute Abend wird er sehen, dass diese Sorge unbegründet war. Er hat grüne Blenden vor die Scheinwerfer geschoben und Pflanzen aufgestellt, Fichtennadelzweige, aus denen Ernst in den Wandelgermanen sonst sein Fußbad pressen würde. Technik gibt es nicht. Kein Mikro, keinen Beamer. “Ich mag es, wenn Bilder im Kopf entstehen”, sagt Axel, der Rezitator, Hörbuchsprecher und Schauspieler, die Stimme der Dokus auf Arte & Co, den ihr alle schon einmal im Ohr gehabt hat und der hier in Zollstock im besten Sinne Do-it-yourself-Kultur macht.

Die Bilder entstehen. Das Publikum besteht zu 80% tatsächlich aus “klassischem” Lesungspublikum, der ganze Literaturkreis ist da, gestandene Damen, denen man nicht irgendwelche Witze unter die Nase reiben könnte. Der hartmuteske Humor jedoch gefällt ihnen außerordentlich. Mir gefällt, wie es ihnen gefällt und es wird eine aufgeräumte, für alle Seiten überaus amüsante Lesung mit viel Improvisation, aber das erste Mal ausnahmslos und ausschließlich aus den Wandelgermanen. Eine pensionierte Dame sagt nach dem Auftritt: “Sie sind ja vielleicht ein komisches Talent. Über Harald Schmidt konnte ich mein lebtag lang nicht lachen, aber wie sie so erzählen, das ist großartig.” Sie ahnt nicht, wie sehr mich das freut. Auch Axel ist glücklich, denn das Experiment ist geglückt. Wir haben beide mal etwas anderes gemacht. So sollte es sein.

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