Tourtagebuch Reloaded – 06.05.2008 Nordhorn, Radio Ems-Vechte-Welle

Vor ein paar Wochen empfahl die Buchhändlerin des schönen, niederländisch wirkenden, mit tollem Stadtpark und Kanälen versehenen Städtchens Nordhorn dem Radiomoderator und Jugendarbeiter Martin Liening alle drei Hui-Bücher. Eine Stunde, nachdem er den ersten Teil ausgelesen hatte, bekam er eine Mail vom Autor des Werkes. Ich recherchierte die Medienlandschaft der Region anlässlich meiner kleinen 4-Tage-Tournee Richtung Norden, fand die Sendung “Radio Südwind” in der Ems-Vechte-Welle und bewarb mich für die Sendung. Herr Liening war baff. Kaum ein Buch ausgelesen, meldet sich der Autor. Das kommt nicht alle Tage vor und man will das ja auch nicht immer… man stelle sich vor, nach abgeschlossener Lektüre der “Rättin” stünde Günter Grass vor der Haustür und qualme einem mit der Pfeife die Bude voll. Das ist ja auch nicht schön.
Ich jedenfalls lande wegen dieser unerhörten Begebenheit am Vorabend meiner Tournee im Studio besagter Radiostation und mache satte zwei Stunden Show mit Martin. Die Ems-Vechte-Welle ist ein unabhängiger Bürgerfunk und muss sich daher kaum an Dogmen halten. Außer der Regel “nicht mehr als 30% Wortanteil” kann man machen, was man will. Martin spielt unablässig Stoppok, weil er ihn neulich in Nordhorn mit 1400 Zuschauern veranstaltete und er ihn liebt. Er spielt uralten Bluesrock und scherzt in den Sprechpausen, dass er ein “Steinzeitjournalist” sei. Er besitzt kein Handy, arbeitet im Studio ohne MP3s und nimmt sich Zeit für die Dinge. Er ist Stimmbildner und Rezitator, Ex-Revolutionär und Hobby-Bildhauer, Jazzhörer und Erfinder der Figur “Gerd Gerdsen”, als welche er häufig im Radio seine dialektgefärbten Scherze treibt. Ich verstehe mich blendend mit ihm und habe auch Musik mitgebracht. Als ich Chuck Ragan auflege, leuchten Martins Augen. Er kennt weder Hot Water Music noch einen Begriff wie Emocore noch Chuck Ragan, aber als er ihn hört, sagt er, der Stimmbildner, Bluesrocker und Entschleuniger: “Bei der Stimme hört man, dass der Mann mit jeder Faser seines Daseins daran glaubt, was er tut. Er hat den Enthusiasmus eines 14-jährigen bei der Erfahrung eines Mannes. Das hört man.” Sagt Martin. Und ich denke mir: Das will ich mal von einem Musikjournalisten lesen, statt “Ex-Hwm-Frontmann macht jetzt Folk, ist ganz okay, aber langweilig.” So machen wir also unsere Sendung, reden über die Hui-Welt, die Wandelgermanen und das Weltgeschehen und brechen alle Gesetze der Moderations- und Musikvorgaben, die ein kommerzieller Großsender aufstellen würde. Am Abend gastiere ich bei Martin, seiner Frau Elke und dem orange-getigerten 10-jährigen Kater Pico. Es gibt sehr leckeren Möhrenkuchen mit Weißwein, dazu spielen wir uns gegenseitig Musik und Geheimtipps vor. Irgendwann zeigt mir Martin seine neueste Sammelleidenschaft: Uralte Fotografien von Männern um 1890-1930, die sich in Fotostudios mit ihren Fahrrädern (!) haben ablichten lassen. Stolz, posierend, teuer. “Das Fahrrad war damals ein Statussymbol wie heute ein teures Auto”, erklärt mir Martin und spätestens jetzt bin ich ein Fan von ihm. Ein Mann ohne Handy, der im Radio fünf Mal hintereinander Stoppock auflegt, spontan Chuck Ragans Seele erkennt und Fotos von Radbesitzern sammelt, als das Rad noch viel mehr war als bloß ein Fortbewegungsmittel. Als ich ins Bett gehe, denke ich mir: Eines Tages wird ein junger Autor bei uns daheim im Haus der Künste sitzen und ich werde ihm einen Original-Pappkarton mit blauen 3,5-Zoll-Disketten darin zeigen, dazu ein Anleitungsheft und ein surreales Poster. “Schau”, werde ich sagen, “das ist ein Original von ‘Shadow Of The Beast’, Amiga 1989.” Das wird mein Fahrradfoto sein. Ich werde älter. Und das, meine lieben Genossinnen und Genossen, ist auch gut so!

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