Tourtagebuch Reloaded – 07.05.2008 Osnabrück, Glanz & Gloria

Es ist ja so: Man kann sich fortbilden oder man kann sich verbilden. Verbilden bestünde zum Beispiel darin, jeden Tag die Literatur- und Musikkritiken in avancierten Magazinen und Feuilletons zu lesen, eine große Nase von Baudrillards “Simulacrum und Simulacra” zu nehmen und das Ganze zum Schluss mit einer Phoenix-Debatte über die “unsolidarische Gesellschaft” herunterzuspülen. Der Kopf wäre voll, der Geist wäre leer. Fortbilden dagegen besteht darin, sich über seine Stimme Gedanken zu machen oder über Plotaufbau, interessante und merkwürdige Fakten zu sammeln oder immer besser darin zu werden, seine Tourneen so zu organisieren, dass man immer den Weg findet, sein Zeug zusammenhält und die Ruhe bewahrt. Als hauptberuflicher Schriftsteller ziehe ich es also vor, mich fortzubilden. Ich stehe auf Empfang. Daher höre ich gut zu, als Marius Jung mir und elf anderen Teilnehmern vor zwei Wochen bei einem Workshop der Comedy Academy klar machte, worauf es beim “Auftritt” ankommt und warum ich immer noch unsicher bin, solange ich nicht in meiner Show aufgehe und einfach nur vor den Leuten stehen soll, die Klappe haltend. Daher höre ich gut zu, wenn Martin Liening mir sagt, dass meine Stimme nur Kopf bis Brust nutze und mir noch ein ganzer Körper an Potenzial offen liegt. Daher höre ich gut zu, wenn Sylvia nach einem neuen Hui-Kapitel sagt: “Schatzemaus, dieser eine Abschnitt da, der Dialog auf der Terrasse, wie soll ich sagen…” (an dieser Stelle bin ich schon auf dem Weg zum Schreibtisch, da ich bereits weiß, was sie meint). Derlei Lernprozesse gebe ich nicht nur in diesem Tourtagebuch, sondern auch auf der Bühne zu, wo ich auch heute Abend in Osnabrück frei heraus die “Making Of”-Audiospur zu meinem Schaffen sozusagen einfach mitlaufen lasse. Ständig switche ich zu Dias von meiner Barfußtournee oder zu Bildern und Spielszenen von wandelgermanen.de, um daran und darum aus der Autorenwerkstatt zu erzählen. Das macht mir Spaß und daher auch den ca. 75 aufmerksamen Anwesenden, während aus meiner Fußbadwanne langsam das Wasser herausläuft und die Bühne flutet, da die Wanne nach der letzten Kiesverlegungsarbeit im Garten einen Riss bekommen hat. Vorvorgestern haben Sylvia und ich daheim übrigens eine Taube aus dem Kaminschacht gerettet, die schon zwei Tage dort festsaß und einfach nicht Bescheid sagte, bis ich beim Aufhängen der Wäsche ein klägliches Gurren hinter der Klappe hörte. Wir lockten das Tier in einen Katzenkasten vor der Öffnung und entließen es vorsichtig ins Freie. Das erzähle ich jetzt nicht, weil es irgendwas mit dem Auftritt im Glanz & Gloria zu tun hätte, den Guido Remmert von Zukunftsmusik mal wieder exzellent und liebevoll organisierte, sondern weil es mein Wesen ist, mich gerne zu verzetteln. Wie mit den Leuten vom Gartenhaus Wilsum, die auf der Lesung zu Gast waren und denen ich vor einigen Wochen als Gewinnern der “hartmutesk”-Aktion eine Story in Auflage 1 Stück zum Geschenk machte. Wie mit den drei Fans, mit denen ich nach der Lesung noch kickerte und mich dabei als ziemliche Flasche am Kickertisch outete. Das zu machen und hier zu erzählen, mag nicht im Kompendium des seriösen Künstlerverhaltens stehen, passt aber zu mir. Und das wiederum ist die höchste Weisheit, die ich selbst vor zwei Wochen in der Comedy Academy bestätigt bekam – wer in allem, was er macht, wirklich “bei sich” ist, macht automatisch alles richtig. Na, dann kann ja alles nur noch gut gehen…

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