Tourtagebuch Reloaded – 08.05.2008 Lingen, Professorenhaus

“Wir sollten versuchen, von einer Kultur des Tuns zu einer Kultur des Seins zu kommen”, sagt der Buddhist auf der Erbauungs-CD in meinem Auto, doch heute gelingt mir das nicht. Auf Tournee werde ich irgendwann immer fahrig. Spazierte ich gestern vormittag noch durch den Stadtpark von Nordhorn und hatte dabei sogar Augen für die gelbblattrige Taglilie und die genauen Furchenmuster mancher Birken, stehe ich nun am Nachmittag im Media Markt der örtlichen Mall und blättere fahrig durch alte Computerspiele. Bei “Far Cry” steht ein junger Mann hinter mir und fragt mich, ob ich Herr Uschmann sei. Er hat die neue Kettcar-CD in der Hand und wird heute zur Lesung kommen. Ich bin kommunikativ geschwächt, freue mich dennoch, verfalle dann aber wieder in meine überaus un-buddhistische, suchtartige Suche nach einem Halt im Tour-Unterwegs. Ich würde gerne die 3. Lost-Staffel mitnehmen, um mich heute Nacht mit dem Laptop auf dem Bauch darin zu verlieren. Ich frage mich, ob “Far Cry” auf meinem Laptop laufen könnte. Ich will Bob Ross sehen. Ich brauche Zerstreuung. Einerseits. Andererseits will ich vor den Auftritten im Hotel und am besten noch nachts danach die Konzepte für zwei weitere Romane weitertreiben, ein Probekapitel für ein noch geheimes Projekt verfassen, rund drei Dutzend offene Mail beantworten, meine MySpace-Profile erneuern, eine aktuelle Pressemappe konzipieren und zusätzlich noch ein Bauchmuskel- und Bizeps-Workout samt langem Waldspaziergang absolvieren. Diese innere Unruhe kennt wohl jeder, der beruflich auf Tournee ist, dieses Schwanken zwischen dem Drang, in den offenen Stunden unbedingt etwas “Produktives” zu tun und der Erlaubnis, außer dem Auftritt selbst freilich überhaupt nichts mehr müssen zu müssen.

So zerfahren der Tag, so wundervoll wird der Abend. Die Veranstalter vom Alten Schlachthof und das Professorenhaus am putzigen kleinen Universitätsplatz machen mich glücklich. Große Leinwand, kabelloses Mikrofon, toller Klang, ein Backstage neben der Bühne, wo die Theatergruppen ihre Requisiten aufbewahren und man durch einen kleinen, dünnen Gang auf die Bühne gelangen kann. Das Auto auf Kopfsteinpflaster hinter dem Gebäude, eine engagierte Buchhändlerin, es stimmt einfach alles und so stimmt auch die Show. Wo ich tagsüber hin und wieder darunter leide, dass ich mich verzettele, mache ich es auf der Bühne zu meiner Methode. Dabei stimmt heute das Timing. In den zwei Stunden flitze ich zwar mit dem Publikum in sekundenschnellen Sprüngen durch die Schöpfungstheorie der Germanen, Badewannenrezepte, Amigaspiele, Indierockanspielungen, Wrestling und Bühnenpsychologie, doch fließen meine Millionen Anspielungen endlich alle organisch ineinander über. Ich erlebe den Flow und das Publikum auch. Sogar die Lokalpolitik von Lingen baue ich ein, das Atomkraftwerk und die Uranstäbefabrik, die einmal fast explodiert wäre, ohne dass jemand protestiert hätte. Lingen lacht über sich selbst. In der Pause und nach der Show bekomme ich dann auch noch Lob für alle Facetten unseres Schaffens. Lob dafür, wie Sylvia und ich die Hui-Welt mit den Romanen, Homepages und der Leserbetreuung betreiben, Lob dafür, dass ich Nichtleser wieder zum Lesen bringe und auch Lob dafür, dass selbst Hardcore-Vielleser mit Kafka-Diplom bei mir noch versteckte Ostereier im Text auffinden können. Lob, Lob, Lob. Das tut gut, das braucht uschmann ab und zu. Besonders gut taten auch die drei Leute in der ersten Reihe, die ich nachmittags beim Media Markt getroffen hatte. Sie verstanden jede Anspielung, gingen mit jeder Wendung mit wie Konzertbesucher mit jedem Riff und waren fast allein dafür verantwortlich, dass ich in den Flow kommen konnte. Außerdem legten sie mir zum Unterschreiben grandios zerlesene Ausgaben meiner Bücher vor, die sogar den weiten Weg in den Ägypten-Urlaub mitgemacht hatten. Wie sehr einen Autor solche Abende freuen, das kann man kaum jemandem begreiflich machen. Falls ihr das lest, vielen Dank!

This entry was posted in Tourtagebuch 2008 and tagged , , , . Bookmark the permalink.

Comments are closed.