Tourtagebuch Reloaded – 01.10.2006 Bochum, Freibeuter

Heimvorteil. Hartmuts Heimkneipe. Freundschaftlich verbunden mit Teilen der Redaktion meines langjährigen journalistischen Arbeitgebers Visions. Nest der örtlichen Turbojugend, Punkrockhafen in Bochums Bermuda-Dreieck. Hier fand 2005 meine erste wahrhaft riesige Lesung mit 200 Besuchern statt. Nirgendwo sonst macht der Lokalbezug der Hui-Romane so viel Freude wie hier. Auch an diesem Abend: Die Bochumer Zeche, die Kemnade, die Ruhr-Uni Bochum, das Bermudadreieck, in dem wir sitzen – das alles sind Schauplätze von Voll beschäftigt, die hier jeder, aber auch wirklich jeder kennt. Die Anspielungen funktionieren wie blinde Pässe in der brasilianischen Nationalmannschaft, jedes kleine Detail erzeugt im Publikum das Grölen oder Raunen von Menschen, die tagtäglich die Orte besuchen, von denen im Buch die Rede ist. Auf der Leinwand hinter mir laufe ich durch die von Sylvia grandios gestaltete virtuelle WG unserer Webseite, kürzlich erweitert um Sebastians Wohnkeller und die Gruselwohnung im ersten Stock. Als ich den Keller auf Knopfdruck vom Schrottfriedhof in die Wohnkulisse verwandele, machen die Leute “Oh!”, als hätte der Vfl Bochum ein Tor geschossen. Mein lieber Kollege und Visions-Verlagsleiter Peter Hesse unterstützt mich und spricht wie auf dem Hörbuch zum Roman den Beamten Koslowski. Für Auftritte wie diesen hat er mir extra eine individuelle Hartmut-Mix-CD gebrannt, liebevoll komponiert aus den seltsamen Geschmacksvorlieben meiner Figuren. Und das, wo unmittelbar die Geburt seiner Tochter Nola bevorsteht.

Freunde und Bekannte sind in rauen Mengen aufgetaucht, fotografieren mich, interviewen mich, freuen sich des Lebens. Kevin und Kathi von Slowtide sind da, jener exzellenten Bochumer Gitarrenpop-Band, deren “Someday” als Outro-Song das Hörbuch zu Voll beschäftigt beschließt. Alles ist also gut. So gut, dass man sich kneifen mag und nur darauf wartet, dass etwas schief geht und eine Horde Hooligans von BFC Dynamo Berlin draußen wie eine gigantische Erdraupe den Asphalt aufpflügen und Tische, Stühle und Sonnenschirme wie Spielzeuge in die Luft schnellen lassen. Tun sie aber nicht. Statt dessen leiste ich selbst mir einen Faux Pas, einen wahren Supergau des Punkrock-Kneipen-Knigge. Ich jammere darüber, dass ich krank sei, was auch stimmt, lasse mir Tee statt Bier bringen und bitte die Anwesenden, nicht zu rauchen. Das alleine ist schon ein Frevel. Darüber hinaus beklage ich mich, dass ich am Abend zuvor bis spät in die Nacht mit der Band Deichkind auf der Playstation Guitar Hero spielen musste, da ich als Redakteur einen Film für die Visions-DVD-Beilage drehte. Böses, böses Foul! Wenn Bescheidenheit eine Zier ist, habe ich gerade sämtlichen Schmuck von mir gerissen. Da beschwert der sich, dass er mit Deichkind feiern und das auch noch als Spesen absetzen darf, weil er ein Video für das Musikmagazin dreht, für das die meisten Anwesenden unter 25 am liebsten arbeiten wollen! Und ja, der feine Herr kennt auch noch Bela B., denn der hat einen Bonustrack auf seinem aktuellen Hörbuch gesprochen. Ho ho, der Herr ist krank! Ho ho, der Herr kennt Bela B.! Ho ho, der Herr will frischen Tee! Das alles ist der Punk-Innung zu viel, sie erkennen mir die Mitgliedschaft ab und stacheln sich gegenseitig auf, es fliegen Flaschen, Nietengürtel und die Deckenverkleidung. “Geh doch zu Fall Out Boy, du Memme!”, brüllen sie und jagen mich aus dem Laden. Ich renne über den Asphalt, der Laptop springt an seinem Kabel hinter mir her wie ein Hund mit zu kurzen Beinen. Auf meiner Flucht merke ich mir: Okay, sage nie, dass du krank bist, sobald du Erfolg hast und verbiete keinesfalls das Rauchen in einer Bar, die nach Piraten benannt wurde. Mit einem blauen Auge torkele ich davon und bemerke nicht mehr, dass kurz nach meinem Aufbruch David Faustino die Kneipe beehrt, der Darsteller von Bud Bundy aus Eine schrecklich nette Familie. Er war an dem Tag in Bochum, hat sich eine Comic-Messe und das Konzert von Bif Naked im Riff angesehen und trinkt die halbe Nacht im Freibeuter mit den Restbarfliegen und der Belegschaft. Sein Glück, dass er nicht damit prahlt, Christina Applegate zu kennen. Er ist halt ein Profi. Und ich muss noch viel lernen.

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