Tourtagebuch Reloaded – 09.05.2008 Hannover, Faust (Warenannahme)

Es kommt darauf an, was man zu sich nimmt. Nein, ich spreche nicht vom Essen. Ich spreche davon, auf der Autobahn in den Shop eines Rasthauses zu gehen und doch wieder auf die Titel der Nachrichtenmagazine zu gucken. Psychopathen, Kindsmörder, Klimakiller, Katastrophen. Wäre die Welt so, wie der Mahlstrom der News sie darstellt, wären wir alle dem Untergang geweiht. Jeder Nachbar hätte ein Verlies im Keller, Wirtschaft und Klima stünden kurz vor dem Kollaps und im Osten stürben alle Kinder an Vernachlässigung. Es kommt darauf an, was man zu sich nimmt. Auf der Bühne der Warenannahme – der Abteilung des Faust für Theater, Lesungen und Performances – saß dieser Tage die Rapperin Lady Bitch Ray und diskutierte, gesponsert von der Rosa-Luxemburg-Stiftung, mit drei anderen Frauen über den neuen Feminismus, der sich bei ihr in der offensiven Pornografisierung von Sprache und Verhalten ausdrückt. Frei nach dem Motto: Wenn ein Mädchen “Fotze” sagt, ist es progressiv. Lady Bitch, die progressiv-provozierende Pornopoetin, die Germanistik studiert, redet so wie ihre männlichen Kollegen und ich kann mir nicht helfen, aber ich glaube, dass man das Denken der Menschen auch dann vulgarisiert, wenn man den Spieß, mit dem sonst um sich gestochen wird, einfach umdreht. Ich drehe den Spieß nicht um, sondern verwende ihn erst gar nicht und versuche auch heute wieder, mit der Hui-Welt ein wenig neckische Freude unter die Leute zu bringen. Henning Chadde von langeleine.de hat die Stadt mit einem wunderbaren Artikel über die Hui-Welt angewärmt und es ist trotz Biergartenwetters gut besucht. Ich bin bis kurz vor der Show erschöpft und zerzaust, da ich für die Strecke Lingen-Hannover sechseinhalb Stunden benötigt habe. Das Pfingstwochenende schaufelte tonnenweise Menschen auf die Autobahnen und aus Angst vor den Diskussionen mit den Schwiegereltern haben einige Männer ihre Wagen quergestellt und so fast die komplette A30 sowie A2 lahmgelegt. Einer soll sogar eine Spitzhacke herausgeholt und seine Schicksalsgenossen dazu angestachelt haben, den Asphalt aufzureißen, um der Familienpflicht an den wenigen Feiertagen des Jahres ein Ende zu machen. Ich fuhr derweil über Landstraßen und sah Bauernhöfe und Raps, wobei es mir schwerfiel, mir vorzustellen, dass diese Farmen tatsächlich intakte Familien beinhalten und ihre Betreiber weder Leichen in der Scheune verstecken noch von der Übernahme durch einen internationalen Investor bedroht sind, der sämtlichen Raps durch seinen passwortverschlüsselten Genraps austauscht. Es kommt halt drauf an, was man zu sich nimmt. Auf der Bühne jedenfalls werde ich wieder wach, jongliere zwischen Büchern, Dias und Spielen, ziehe die Wirklichkeitsverzerrung unserer Nachrichtenlandschaft durch den Kakao und propagiere, sich absichtlich zu verzetteln, ungesund zu leben, sich die Schöpfungsgeschichte der Edda und die Sittenverse zur höflichen Verweigerung von Alkoholgenuss zu merken und alles zu hinterfragen, was sie einem so tagtäglich vorsetzen. Das tut den Leuten gut. Nach der Show diskutiere ich mit Henning und Veranstalter Peter noch über die heutige Medien- und Kulturmaschinerie und schimpfe dabei über Autoren und Comedians, die sich nur mit dümmlichem Sexismus und großer Klappe durchzusetzen versuchen. Henning und ich sind der Meinung, dass es viel bringt, diesen Ansätzen Programme der anregenden Freundlichkeit und Entschleunigung entgegenzusetzen; Peter meint, wir sollten uns nicht über die Auswüchse ärgern, da wir alle die Maschinerie aus Live-Shows, MySpace-Marktschreierei und Abgrenzungsspielchen mitantrieben. Anders gesagt: Henning und ich glauben, dass man nur die Software austauschen muss, Peter zweifelt die ganze Hardware an. Ähnlich wie Hartmut spürt er ein Unbehagen ob der Verdinglichung, die man mit sich selbst betreibt, wenn man sich als Marke inszeniert, egal, ob diese Marke nun Lady Bitch Ray, Kurt Krömer oder “die Hui-Welt” heißt. Teilte man diesen Ansatz, wäre einzig konsequent nur die Durchbrechung der Warenform. Das – und jetzt zieht euch dieses Wortspiel rein – ist eine waschechte “Warenannahme”. Heiliger Bimbam. Ich muss dringend frühstücken. Am besten Obst. Es kommt darauf an, was man zu sich nimmt.

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