Tourtagebuch Reloaded – 10.05.2008 Bremen, Kito

Interview mit mir selber:

Ich: Herr Uschmann, es ist Pfingsten, die Sonne brennt, Sie fahren von Hannover nach Bremen. So ein Tourtag, wie läuft das ab?
Herr Uschmann: Da an Pfingsten die Autobahnen voll sind und die B6 eine Luftlinie nach Bremen bildet, bin ich die ganze Strecke auf der Landstraße gefahren. Ich mag so was. Grüne Hügel, Alte Höfe, Rapsfelder. Irgendwann am Steinhuder Meer sah ich ein Schild “Trödelmarkt” und habe einen Umweg gemacht, um zu bummeln.
Ich: Haben Sie was gekauft?
Herr Uschmann: Ich habe Erkenntnisse gewonnen?
Ich: Welche?
Herr Uschmann: Ich entscheide heute auch nach dem Verkäufer, ob ich der Ware zugeneigt bin oder nicht. Ich kaufe kaum etwas, weil ich, wenn ich ernsthaft loslegen würde, den halben Trödelmarkt kaufen müsste. Auf diesem befanden sich Hunderte gut erhaltener alte Konsolenspiele für Super Nintendo, Game Boy oder Master System. Das muss man sich mal überlegen – Master System! Ich habe ja den Traum, eines Tages eine erschöpfende Sammlung von Spielen anzulegen aus 40 Jahren Videogamegeschichte, so groß, dass ein Museum daraus werden könnte. Aber dieser Trödelmarktbesuch zeiget mir – das werde ich erst tun, wenn die Millionen kullern. Und ich ein Zusatzhaus anbauen kann.
Ich: Sie stehen auf alte Sachen?
Herr Uschmann: Ich stehe darauf, dass etwas völlig außerhalb des aktuellen Diskurses stattfindet. Der Trödelmarkt ist ja ein Ort, an dem alles Aussortierte sich sammelt. Mit den Waren eines Trödelmarktes könnte man eine Wohnung einrichten, die den Eindruck erwecken würde, sich mitten im Jahr 1993 zu befinden. Oder 1986. Im Wohnzimmer ein schwerer alter Fernseher mit angeschlossenem NES und Master System, im Bücherregal Heinz G. Konsalik und Utta Danella, im Plattenregal Vinyl von Chicago, Neil Diamond und Peter Maffay. Dazu ein paar CDs von Ten Sharp. Und ein ganzer Raum nur voll mit diesen alten, schwarzen, klapprigen Ladegeräten für Akkubatterien.
Ich: Ihre Augen glänzen, wenn Sie davon reden.
Herr Uschmann: Ja, ich bin da ganz wie Jochen. Schauen Sie, ich sprach noch dieser Tage mit den Veranstaltern aus Lingen über das Thema Musikgeschmack in der Provinz. In kleinen bis mittleren Städten können Sie heute noch Dog Eat Dog oder Clawfinger veranstalten und es kommen 600 Leute. Das finde ich großartig. Egal, was man nun von der konkreten Musik hält, aber diese “provinzielle” Haltung, den Diskurs der Hippness überhaupt nicht mitzumachen oder gar nicht erst zu kennen, beruhigt mich. Gerade wir Journalisten müssen uns immer wieder klar machen, dass das ganze Geschreibe über Musik und Literatur und Kunst, wie es in den Fachmagazinen bis hin zum Spiegel-Kulturteil geschieht, nur einen winzigen Teil der Bevölkerung überhaupt erreicht. Demgegenüber steht ein gigantischer Teil, der sich dazu so verhält wie all diese Dörfer und Kleinstädte zu Berlin-City. Und wenn man mit dem Auto auf Tournee ist, bemerkt man: Deutschland wird eigentlich dominiert von dem Teppich aus Kleinstädten.
Ich: Ihr Auftritt gestern Abend war auch in einem Dorf innerhalb einer Stadt.
Herr Uschmann: Ja, in Vegesack an der Werder. Gehört zu Bremen-Nord, wirkt aber wie ein kleines Urlaubsstäftchen, zumindest am Hafengebiet, wo ich spielte und wo das Kito direkt neben einigen schnuckeligen Hotels liegt. Ich musste bei der Anfahrt mit der Fähre von Lemwerder umsetzen und konnte morgens noch am Kai spazieren gehen. Der Auftritt war im Dachgeschoss eines genial restaurierten Fachwerkhauses, wo sonst Jazzkonzerte sind mit einem sehr süßen Backstage und perfekter Betreuung durch Organisator Marco und Soundmann Sascha. Besonders Marco ist der Hammer. Unter allen Veranstaltern war er der erste, der mir als nebenberuflicher Computerexperte sagen konnte, wie ich beim Nutzen eines Beamers den Bildschirm dupliziere. Der Reiter, den er dafür in den Menüs fand, war mir bislang so fremd wie die Postcore-Szene von Französisch-Guinea.
Ich: Und das Publikum?
Herr Uschmann: War unfassbar aufmerksam und motivierend. Wirklich außergewöhnlich gut. Haben mich aufgebaut, obschon ich sehr erschöpft war. Ich variierte den Auftritt, fand ein gutes Timing mit meinen Multimedia-Inhalten, schwamm in meiner Moderation wie ein Fisch im Wasser. Danach sprach mich sogar noch ein junger Mann an, der seine Diplomarbeit über den Heimatbegriff bei Frank Goosen, Sven Regener und Oliver Uschmann schreibt. Ernst genommen zu werden, während zugleich Tränchen vor Lachen in den Augen stehen, macht mich glücklich und ist Hartmut angemessen.
Ich: Jetzt geht’s heim?
Herr Uschmann: Ja, ich freue mich aus Frau, Katz und Heim!
Ich: In der Provinz?
Herr Uschmann: In der freiwillig gewählten Provinz, ja!
Ich: Und auf der Rückfahrt hört man Dog Eat Dog?
Herr Uschmann: Nein, Gott bewahre. Es sind Blackeyed Blonde. (lacht)

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