Tourtagebuch Reloaded – 14.05.2008 Bochum, Ottilie Schoenewald Weiterbildungskolleg (WBZ)

“Woran glaubt eigentlich Hartmut?”, fragt Jan in der Schulklasse des Weiterbildungszentrums in Bochum-Querenburg, einer Fachoberschule, an der nun schon im zweiten Jahr Hartmut und ich als Schullektüre gelesen wird und an der ich bereits im letzten Jahr zu Gast war. Jan ist ein alter Freund und Lehrer an diesem Institut, er verfasst eine Diplomarbeit über multimediale und postmoderne Literaturvermittlungskonzepte und dementsprechend arbeitende Autoren. Unterthema: Nähe. Nähe zum Stoff, Nähe zum Autor. Die Hui-Welt kommt da wie gerufen mit Romanschöpfern, die jederzeit erreichbar sind, Äpfel aus ihrem Garten verkaufen, Lesern persönliche Geschichten in Auflage 1 vermachen und auf gefühlten zehn Homepages ein enges Verweisgeflecht knüpfen. “Wo steht Hartmut?” Ich sage, dass Hartmut im Prinzip nur daran glaubt, dass man seinen eigenen Verstand gebrauchen sollte, gegen jeden Drift, der einen mitzureißen und zu entmündigen droht, stamme der nun aus den Tagesthemen, der Bildzeitung oder den marxistischen Kampfschriften auf dem Unicampus. Das gefällt Jan und seiner Kollegin, in deren Klasse ich heute eingeladen bin, eine 45-Minuten-Show spiele und dann eine gute Stunde lang sehr überlegte und enthusiastische Fragen der Schüler beantworte, die mich sehr freuen. Ich bin ein 31jähriger Autor, der schon in der Schule gelesen wird. Und das mit Betonung auf GELESEN wird. Ich denke, ich bin ein glücklicher Mann.
Nach dem Gastbesuch spaziere ich noch mit Jan über den angrenzenden Fußballplatz, auf dem ich selber früher in Bochum bolzte – mit den Nachmietern der realen Hartmut-WG und dem “echten” Spritti, der das Vorbild für den Spritti der Waldfront in Wandelgermanen wurde. Jan denkt laut über seine Diplomarbeit nach: “Einerseits ist die Hui-Welt zutiefst postmodern mit ihrem ganzen Geflecht, aber andererseits bringst du den Autorenbegriff zurück, in dem du hier einfach in die Klasse kommst oder live davon erzählst, warum das Adjektiv da an der falschen Stelle steht und der Lektor es nicht gemerkt hat. Einerseits ist Hartmut ein Anarchist und andererseits der klassische Aufklärer, der nur will, dass die Leute alles hinterfragen. Da ist man dann wieder bei Humboldt und Kant und im Prinzip genau bei dem, was Schule eigentlich sein will.” Ich höre mir das an und schnurre innerlich. Es ist schön, für voll genommen zu werden. Es ist schön, wieder zur Schule zu gehen.

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