Tourtagebuch Reloaded – 16.05.2008 Wiesbaden, Kulturpalast

In Wiesbaden ist mir bei der Ankunft alles unangenehm. Fußballfans überall, schon seit Würzburg, Trikots von Nürnberg, Bayern, Frankfurt und Wehen-Wiesbaden und Begriffe wie “Ultras”. Punks vor dem Bahnhof, die ein drei Meter breites Kreuz haben und auf deren Jacke “nichts ist pervers genug” steht. Was soll so ein dämlicher Spruch, denke ich mir, mir fallen sofort ein paar Hundert Taten ein, die pervers sind, einige davon prangen dann auf dem Cover des Sterns und sie sind auch nicht “genug”, sondern furchtbar. Außerdem rauchen in Wiesbaden alle. An der Ampel, in den Autos, an der Bushaltestelle. Zerfurchte Gesichter, in denen qualmenden Zigaretten stecken und vor deren Augen sich innerlich ein Film abspielt, der recht hoffnungslos sein muss. Französischer Sozialrealismus in verfallenen Gebäuden, die Figuren schweigen und nacht acht Minuten sagt jemand: “Claude hat die Stadt verlassen.”

Im Hotel steigt meine Laune, denn das Town Hotel in Wiesbaden ist mein Lieblingstourhotel. Gratis-DSL- und Telefon, Heißwasserkocher mit Kaffeepulver und ordentlich schließende Duschtüren, aus denen es nicht heraussuppt. Das DSL kommt über Kabel statt über WLAN, was ich absolut liebe. Ein handfestes, sicher sitzendes Kabel statt obskurer Datenübertragung durch die Luft, die mir bis heute unheimlich ist. Ich bin über 30, mir werden die Dinge unheimlich. Daher schaue ich zur Entspannung auch erstmal ein Dutzend Folgen der “Computer Chronicles” auf YouTube, einer Talkshow der 80er und 90er-Jahre, in der neue Computer, Programme und Konsolen vorgestellt wurden. Die Nostalgie tut gut, Männer in beigen Sakkos führen das Sega Mega Drive, den Amiga 3000, “Deluxe Paint III” oder den Hewlett-Packard-Touchschreen-Computer von 1983 mit einem Enthusiasmus vor, mit der man heute eben Blu-Ray oder die neueste X-Box präsentiert. Die LP-große Laserdisk und ihre längst vergessenen multimedialen Anwendungsmögichkeiten kehren in meinen Geist zurück. In einer Szene zieht ein Mann eine 3,5″-Diskette aus der Tasche und präsentiert sie als allerneueste Errungenschaft zur Ablöse der labberigen 5 1/4-Zöller. “Diese Disketten fassen schon sehr bald über 1 MB Daten”, erläutert er, “sie ermöglichen Massendatenspeicherungen für die Hemdtasche”. Es ist schwer zu beschreiben, wie sehr es mich schaudert und zugleich beruhigt, dass diese nostalgisch wirkenden Techniken erst brandneu waren, als ich bereits geschlechtsreif war. Wie kurz das her ist. Und wie irrsinnig behaglich zu sehen, wie sensationell es einmal gewesen ist. Ein “Jochen”-Feeling.

Im Kulturpalast spielen nach mir heute Abend Casino. Sie haben ihren sechsten Drummer in Gebrauch, der heute sein Debüt feiert und sie lachen sich erst mal locker bei meiner Show, die mir hier besonders viel Spaß macht, da Veranstalter Ulf und sein Team sehr enthusiastische Hui-Freunde sind, die sich großartig um mich kümmern. Ich verteile besoffene Äpfel zum Probieren, improvisiere herum und lästere liebevoll über die VISIONS-Redaktion, in deren Dachgeschoss angeblich Kurt Ebelhäuser lebt, der jeden Monat runterkommt und seinen Artikel kriegt. Das stimmt natürlich nicht. Casino spielen sehr gute Songs zwischen Madsen, Sport, Bosse und Spandau (der Band, nicht dem Ort) und verknüpfen eingängige Melodien und enthusiastischen Gesang mit variablem, dynamischen Songwriting und einer tierischen Lautstärke. Ein Besucher in knallblauen Hosen, der wie Thomas D. aussieht und scheinbar mit ihnen bekannt ist, kritisiert sie ebendafür nach Ende des Abends im Backstage, “ihr müsst leiser werden!” wiederholt er unablässig und es ist selten, dass dies Bands mal gesagt wird, obschon es häufig einfach stimmt. Den Weg zum Hotel lege ich mit einem leichten Fiepen im Ohr zurück, vor den Cafés und Restaurants des Viertels hocken die Wiesbadener und rauchen. Dabei sprechen sie über die Nachrichten der Gegenwart, die keine sind. Ich krieche ins Bett, suche den User ckmogo bei YoutTube und schaue mir an, wie ein bärtiger Mensch 1990 die “neuesten” Amigaspiele vorstellt.

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