Tourtagebuch Reloaded – 19.05.2008 Wesel, Pfarrzentrum

Auf der kleinen Tournee Richtung Norden vor zwei Wochen rief mich morgens eine Leserin der Weseler Ausgabe der NRZ an und teilte mir mit, wie froh sie sei, dass sie endlich einmal jemand verstehe. Die Frau hatte den Artikel “Eben nicht einfach mal weg” gelesen, den Joachim Freund nach einem schönen Interview mit mir verfasst hatte und in dem ich sinngemäß sage, dass wahres Mitgefühl nicht aus dogmatischen Glaubensgebäuden, sondern aus der buddhistischen und/oder naturreligiösen Haltung der “Achtsamkeit” zu gewinnen sei, was ich tatsächlich auch so glaube und praktiziere. Der Artikel wurde anlässlich der Lesung geschrieben, die mich heute an den ungewöhnlichsten und zugleich vertrautesten Ort zurückführt, an dem ich jemals aufgetreten bin: Das Pfarrzentrum meiner katholischen Heimatgemeinde St. Martini Wesel. Pastor Heinrich Pauen hat mich eingeladen, nachdem wir vor geraumer Zeit eine gute Korrespondenz darüber begonnen hatten, warum und inwiefern ich der christlichen Kirche logistisch, aber nicht emotional “abtrünnig” wurde, je nachdem, wie man ihre Tradition interpretiert. Heinrich Pauen hat mich getauft, als ich noch ein winziges Bündel war. Heinrich Pauen hat mir die Kommunion abgenommen und mich gefirmt. Im Raum, den ich jetzt mit ihm für die Lesung herrichte, habe ich mit sechs Jahren dem Nikolaus auf dem Schoß gesessen. Meine Familie inklusive meiner Oma, die sich ihr lebtag lang für diese Gemeine engagiert hat, ist da, außerdem ein sehr alter Kumpel mit seiner Lebensgefährtin sowie die Familie einer ehemaligen Abi-Mitschülerin, örtliche Apotheker. Ansonsten: Die Gemeinde. Will sagen: Das Durchschnittsalter ist 60+ und niemand hier hat bislang von der “Hui-Welt” gehört, geschweige denn sich für Pop- oder Postpopliteratur interessiert. Es gibt natürlich keine Bühne, sondern nur eine in U-Form gestellte Tischtafel, an deren Kopf ich sitze, flankiert von Familienmitgliedern. Und trotzdem oder gerade dennoch erobere ich dieses Publikum. Die Ärzte, Apotheker, Lehrer und Pensionäre lachen sich schlapp über den “Glaubenskrieg” der Wandelgermanen, meine konfusen oder schein-konfusen Zwischenmoderationen und die Psychologie des “Mannes meiner Generation”, die ich hier besonders genüsslich ausbreite, weil nichts witziger und erfrischender ist, als seine eigene Generation in Gegenwart einer älteren gepflegt durch den Kakao zu ziehen. Herr Pauen hat keine Probleme damit, dass mein “Erlöser” Herr Leuchtenberg heißt und die “Wandelgermanen” heidnischen Ritualen frönen, er freut sich, “dass einer aus unserer Mitte, der sich draußen einen Namen gemacht hat, zurückkehrt” und leitet eine Fragerunde ein, die tatsächlich rege angenommen wird. Einige Fragen zu meinem Werdegang beantwortet allerdings stolz und gestenreich meine Mutter. Im Grunde beantwortet alle Fragen zu meinem Werdegang stolz und gestenreich meine Mutter. Nach drei Stunden derart massivem Heimatflash fahre ich über die B8 Richtung Autobahn, halte noch mal kurz im Gewerbegebiet zwischen parkenden Trucks und geleckten Firmenvorhöfen, gehe ein wenig spazieren und atme durch. Die Gegenwart ist ebenso euphorisierend wie anstrengend, wenn man sie durch die Brille der Vergangenheit als tatsächlich wahr gewordene Zukunft betrachtet. “Wem sagst du das?”, sagt plötzlich ein Kraftfahrer, dessen in weiße Socken gekleidete Füße aus der geöffneten Scheibe herausragen, in welche die warme Luft des Sommerabends weht. Dabei habe ich nur laut gedacht. “Wem sagst du das?”, seufzt er und man weiß nicht, ob er es als großer Junge meint, der Trucker werden wollte oder als alter Mann, der Trucker werden musste. Darüber nachdenkend fahre ich heim, esse noch kurz einen Pudding in einem Rasthof und vermeide es ganz bewusst, die Schlagzeilen der Zeitungen zu lesen.

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