Tourtagebuch Reloaded – 21.06.2008 Essen, Zeche Zollverein, Extraschicht

“Ein Gedicht muss bei mir aufgehen wie eine Mathematikaufgabe”, sagt Kurt Küther, als wir eine von zwei Pausen an unserer kleinen Bühne auf dem gigantischen Gelände des Kulturerbes Zollverein machen. Bei der Extraschicht, der langen Nacht der Industriekultur, bespielen wir gemeinsam die Bühne “Geschichte(n) aus dem Pott”. Es ist eine von vielen Attraktionen heute Abend, allein auf diesem Gelände, geschweige denn in ganz Ruhrstadt, die heute Nacht immerfort von Bussen durchstriffen wird, die Besucher zu Attraktionen in Bochum, Bottrop, Duisburg und vielen anderen Orten bringen. Wir haben Laufpublikum mit gelegentlichem Sitzfleisch; immer wieder gilt es, Menschen, die nur vorbei flanieren, allein mit Show und Sprache anzulocken und zu überzeugen, sich zu setzen und ein wenig zuzuhören. “Als Bergarbeiterdichter muss man hart im Nehmen sein”, sagt Kurt, “ich habe schon Thekenlesungen gemacht, bei denen keiner zuhörte. Man darf da nicht so ein Sensibelchen sein wie die Lyriker in meinen Gedichtwerkstätten damals.” Wir sind keine Sensibelchen. Kurt nicht und ich nicht. Kurt, Jahrgang 1929, war Malocher, war Bergmann. Ich, Jahrgang 1977, habe zumindest eine Malocher-Mentalität. Und so lesen wir, solange Menschen da sind und das ist fast immer der Fall. Laut Plan hätten wir jeder 4 x 40 Minuten gespielt und jede Stunde 20 Minuten Pause gemacht, aber was scheren uns Pläne? Also malochen wir mit Worten, spielen mal vor 5 und mal vor 55 Leuten nahezu nonstop durch, von 18 Uhr bis 1:30 Uhr. Wir machen nur zwei Pausen, um schnell etwas zu essen. In ihnen spielt Kurt Bergarbeiterlieder und ich spiele Ton und Grönemeyer. Um 0:30 Uhr wirkt es ganz kurz, als käme niemand mehr, doch dann spähen ein paar Leute um die Ecke, die Hartmut kennen, und ich locke sie an wie ein Verkäufer auf dem Hamburger Fischmarkt seine Kunden: “Bleiben Sie doch hier, dann machen wir auch weiter!” Als ich um 1:37 Uhr mit “Lösungen” aus Hartmut und ich schließe, haben wir alles in allem fast sieben Stunden netto gespielt. Kurt hat die Leute dabei mit geschickt gestrickter Bergarbeiter-Lyrik, Geschichten und seinen ureigenen “Ruhrpottogrammen” unterhalten, ich u.a. mit “Always”, “Spam”, “Samstag bei Jochen”, “Klemmbretter”, “Kugelschreiber”, “Chancen Nutzen”, “Scheiß Staat”, “Gartenzwerge”, dem “Einzug” sowie Auszügen aus den Wandelgermanen und der neuen Online-Story über die Ruhr-Uni. Ohnehin waren die vergnüglichsten Momente jene, in denen Kenner der Ruhr-Uni zuhörten und bei jeder Anspielung auf den geliebten, maroden Campus, der Studenten in seinen Betonlöchern verschluckt oder sie im Hörsaal durch kaputte Klappsitze unter die Lehne des Vormannes rutschen lässt, Tränen lachten. Eine Familie erwirbt ein Voll beschäftigt zur Lebensvorbereitung für ihren Sohn im Teenageralter, ein Fan lächelt ironisch, tätschelt mir die Schulter und sagt: “Ich muss dich einfach mal anfassen.” Derweil wachsen Zweige aus dem alten Beton des antiken Stellwerkhäuschens hinter unserer “Bühne”, die sonst ein Teil des in Betonkuben angelegten Gartens ist, der diese Ecke des Geländes verschönert. Weiter runter Richtung Kokerei spielen die Poetry Slammer auf einer Bühne, die direkt auf einer Brücke steht; weiter oben an der Gastromeile kommen sich eine Lesebühne, Bierstände, Crepes, Nackensteaks und Jazzimprovisation in die Quere. Der Weg zum zu weit weg geparkten Auto bei Nacht durch das von geschickt plazierten Spots punktuell erleuchtete Gelände mit seinen monströsen alten Türmen und Förderbändern ist die erste kleine Kontemplation des Abends. Die härteste Mammutperformance meiner Auftrittslaufbahn geht zu Ende. Bis zum ersten Kaffee an der Tankstelle sehe ich alles doppelt. Das war ein Ding. Gut, dass ich einen gestandenen Malocher an meiner Seite hatte.

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