Tourtagebuch Reloaded – 23.06.2008 Hildesheim, Kulturfabrik Löseke

“Im Grunde ist Wandelgermanen ja ein Bildungsroman.” Solche Behauptungen darf man als Autor nicht selber aufstellen, ohne unverzüglich als Großmaul zur Strafe an den Katzentisch gesetzt zu werden. Umso glücklicher macht es mich, dass ich es aus dem Mund einer Journalistin zitieren darf, die mich nach meinem Auftritt im HOBO der Kulturfabrik Löseke interviewt. Journalistin ist sie (noch) nebenberuflich. Eigentlich studiert sie “Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus” hier in Hildesheim, einem der wenigen Orte in Deutschland, an dem man statt Germanistik tatsächlich das Verfassen von Literatur studieren kann. Daher ist ihr Verständnis für den Ansatz der Hui-Welt groß; sie schwärmt davon, wie in ihr Hochkultur und Popelemente, Bildungsgut und Trash zusammengehen, wie meine Figuren und ich mit einem akademisch geschulten, nahezu “adornitischen” Scheinwerfer den alltäglichen Small Talk ebenso ausleuchten wie naturphilosophisch ideologische Grabenkämpfe, wie ich bei meinem Auftritt germanische Mythologie, japanische Spieletugend und den jazzgleichen Improvisationscharakter eines Wrestling-Kampfes zusammenbringe. “Was Du machst, ist literarischer Kulturjournalismus”, sagt sie und wieder bin ich froh, dass sie es sagt, denn so darf ich das alles hier zitieren, ohne an den Katzentisch für Poser zu müssen.
Dabei sah es zu Beginn gar nicht so leicht aus. 20 Minuten lang weigerte sich das Publikum in dem mit alten Sitzbänken aus der Regionalbahn ausgestatteten Raum des soziokulturellen Zentrums standhaft, irgendeine Regung zu zeigen. Wo im Ruhrgebiet die Leute schon mit Lachtränen in den Augen vor den Stühlen liegen, lagen hier nur skeptische Blicke auf mir, als wollten die Leute sagen: “Germanen? Fußbäder? Ragnarök? Was soll denn das?” Doch ich eroberte sie, nicht zuletzt wegen meines freimütigen Making-Of-Gequatsches über meine Arbeitsweise, das den Grad der Verteilung von Bildungsgut auf meine Plots so sehr übertreibt, dass es so scheint, als sei ich nur ein Blender. Dass allerdings ich selbst es so erscheinen lasse, deutet wiederum darauf hin, dass ich es im Kern eben nicht bin. Diese Meta-Ebenen scheinen hier zu gefallen. Als ich das “Germanenquiz” auf die Leinwand projiziere, kann ein Mitarbeiter des Hauses fast jede Frage korrekt beantworten. Als ich meine Dias vom “Wundlauf” zeige, sind die Blicke immer noch skeptisch, aber auf diese schmeichelhafte Art und Weise, die sich fragt: “Wie kann man nur so ernsthaft wahnsinnig sein?” Die “Closeline” improvisiere ich zum Schluss noch ein wenig stärker schauspielernd als bisher; ich habe ohnehin gute Laune, da die Veranstalter der Lesereihe “Nachtzeile” sich auch um das Drumherum perfekt gekümmert haben und im Hotel ein DVD-Player mit “Ocean’s Eleven” auf mich wartet – ein Service des Hotels, dass eine eigene Gratis-DVD-Sammlung in der Besenkammer aufbewahrt, was man von einem Haus, das “Bürgermeisterkapelle” heißt und auch so gestaltet ist, nun gar nicht erwartet.
Die Hildesheimer Journalistin vom “Institut für Kreatives Schreiben” klappt ihren Block zusammen und deutet an, dass selbst an einem so pragmatischen Institut die alte, deutsche Unterteilung von Ernst und Unterhaltung immer noch mitschwingt und die meisten ihrer Kommilitonen vor allem zurückschrecken, das “zu viel Plot hat” und “zu amerikanisch” sei. Ich schüttele den Kopf. Ich, den, ich betone es gerne noch mal, Guybrush Threepwood mehr beeinflusst hat als Günter Grass, gebe hiermit zu: Ich liebe es, wenn es “amerikanisch” wird. Nicht nur, weil zahllose Folgen von “Seinfeld” oder “Lost” größere “Literatur” sind als tausendundein europäisch-depressiver Dauermonolog, sondern auch, weil die so verhassten “Amis” etwa in der Musik die vitalsten und mutigsten künstlerischen Innovationen hervorbringen und hervorgebracht haben, die die westliche Welt heute kennt. Mal ganz im Ernst und ohne jede flapsige Pointe: Der Antifolk, die Free Form-Szene New Yorks, Animal Collective, Black Dice, die Bands von Saddle Creek, die hybride HipHop-Kunst des Labels Anticon, die Krachkunst auf Ipecac… alles amerikanisch. Die irrsinnig gute Lyrik von Conor Oberst (Bright Eyes) oder Yoni Wolf (Why?), die raffinierte Fusion aus “impulsivem” Bauchrock und “hochpoetischem” Geschichtenerzählen bei The Hold Steady, der ganze Free Jazz… alles amerikanisch. Und selbst die Tatsache, dass die anglo-amerikanische Literaturwissenschaft mit großem Ernst die tiefenpsychologischen, symbolischen und diskursiven Tiefen der Romanwelt Stephen Kings auslotet, ist vollkommen berechtigt. Nur mal so nebenbei bemerkt in Richtung aller, die den Antiamerikanismus im Blut haben und ihn für Kulturkritik halten. Im Zimmer genieße ich daher noch ein wenig den perfekt gestrickten Aufbau von Steven Soderberghs Ganovenschwank und lese als Betthupferl in einem kulturphilosophischen Buch über Videospiele, das den Brückenschlag zwischen klassisch gebildetem Denken und unklassisch gescholtenem Betrachtungsobjekt bewundernswert perfekt und passioniert betreibt: Andreas Rosenfelders schmales Bändchen “Digitale Paradiese. Von der schrecklichen Schönheit der Computerspiele.” Der Mann hat verstanden. Gute Nacht.

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