Tourtagebuch Reloaded – 24.06.2008 Braunschweig, Thalia

“Alles Tun sollte auf dem Nichtstun basieren”, sagt der buddhistische Philosoph Tich Nath Than immer, wenn seine CD in meinem Auto läuft. “Bleib ganz ruhig, Du hast die Zeit”, sagt Sylvia immer, wenn ich viel zu früh zu Terminen aufbreche. Was die zwei größten Denker unserer Zeit sagen, kann nur richtig sein und so nehme ich mir an diesem Morgen in Hildesheim die Zeit, in der Morgensonne zum Hildesheimer Dom zu spazieren und mir dort den “1000-jährigen Rosentock” anzusehen, der dort an der Apsis hochwächst. Er steht im Innenhof, rundherum befindet sich ein Kreuzgang. Morgens ohne Zeitdruck und fast allein durch diesen Kreuzgang zu laufen, den Blick einige Minuten auf diesem 10 Meter hochragenden Rosenstock verweilen zu lassen und in der Kapelle für alle verstorbenen Menschen und Katzen Kerzen anzuzünden, beruhigt mich. Sicher, auf unserem Klo hier in Herbern steht Richard Dawkins’ “Gotteswahn” und 2007 lief ich im Auftrag von VISIONS zu Fuß durch L.A., um die erste und einzige 12-seitige und werbeanzeigenfreie History zur Band Bad Religion zu schreiben, die jemals in Deutschland erschienen ist, aber es geht hier nicht um Theologie. Es geht um einen Ort, der Stille zulässt und Lärm ausschließt. Es geht um einen Ort, an dem Bruce Darnell niemals Werbung für Fonic machen würde. Es geht um einen Ort, an dem man wahrhaft etwas sieht, weil es keine Schnittfolgen gibt. Der Dom beruhigt mich. Die Rosen beruhigen mich.

Zwei Stunden später bin ich am Bahnhof und alle Ruhe fällt von mir ab wie die Kruste von 14 Tage ungewaschenen Bolzplatzkindern. Es ist nicht so, dass mich jemand absichtlich provozieren würde. Es ist alles. Der Lärm. Die Menschen. Die Schlagzeilen des niederträchtigen und verwahrlosten Unternehmens, das man “Tagespresse” nennt. Im Zug spiele ich “FIFA 06″ mit Bayern München als Team und ersetze Sagnol und Ismael gnadenlos durch Görlitz und Lizarazu, weil sie keinen Einsatz zeigen. Außerdem lese ich weiter in Andreas Rosenfelders Buch über Videospiele. Erwähnte ich schon, dass es genial ist?
Das Hotel in Braunschweig heißt Penta und besitzt die drei Ws, die einen Autor auf Tournee glücklich machen: WLAN, Wanne und Weitläufigkeit im Zimmer. Der Besuch im Dom ist abgeklungen und somit meine innere Ruhe. Also überfordere ich mich wieder. Wo andere Künstler auf Tournee grundsätzlich gar nichts machen, versuche ich bei 3-4 freien Stunden vor dem Auftritt, all meine Accounts bei MySpace und Xing zu restaurieren, den kompletten Posteingang zu beantworten, einen halben Roman zu verfassen, meine Dateiverzeichnisse aufzuräumen und den Finanzplan für die kommenden drei Jahre zu erstellen und bin dann enttäuscht, wenn ich das nicht schaffe. Ich schaffe es nicht. Ich gehe in die Wanne. Wenig später stromere ich durch die Thalia, werde sehr freundlich umsorgt und beobachte den Techniker beim Aufbau. Hier läuft alles sehr gut. Die Veranstalter sind Hui-Fans und kompetent, das Café ist gut gefüllt und ich kann sofort eine Brücke zum Publikum bauen und zwei Stunden scherzend, improvisierend und spielend auf ihr herumspazieren. Das ist die zweite Form von Glück neben der Ruhe in einem Innenhof mit 1000-jährigen Rosen: Der Live-Flow. Der Live-Flow mit Publikum, dessen Resonanz man spürt. Der Live-Flow mit Vorfreude auf die alten Amiga- und Wrestling-Nostalgiesendungen auf YouTube über WLAN im Hotel. Der Live-Flow einer Buchhandlung, umgeben von tausenden anderer Werke. Glücklich gehe ich durch die warme Sommernacht Richtung Hotel, nehme eine Falafel mit aufs Zimmer und schaue mir auf YouTube an, wie The 1-2-3-Kid 1994 Razor Ramon besiegte und wie ein junger Nerd aus Dortmund in einer WDR Computerclub-Ausgabe von 2000 sein eigens entwickeltes Betriebssystem “Deskwork” vorstellt, auf drei Disketten. Das war selbst für damalige Verhältnisse wenig und klappt, weil auf grafische Elemente weitgehend verzichtet wurde. “Wir haben alle mühsam lesen gelernt, da müssen wir auch nicht auf bunte Bildchen klicken”, sagt der Nerd und ich frage mich, was aus ihm geworden ist. Windows konnte er nicht schlagen, obwohl das so richtig auch keiner versteht. Wir wollen anscheinend immerfort Input. Am Bahnof waren heute Morgen schließlich auch mehr Menschen als im Dom. Auf dem Hotelflur tänzelt Bruce Darnell mit seiner Eskorte an der Tür vorbei und sagt: “Musste macken schneller, sonst wirst du überholt.” Ich dusche, denke an die Zeit der Disketten und sinke erschöpft ins Bett.

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