Tourtagebuch Reloaded – 04.07.2008 Bochum, Bochum TOTAL

Der Sommer 2008 zeigt, dass Bochum mich nicht los lässt. Die letzten Wochenenden gab ich parallel zur EM ein Seminar im sogenannten Optionalbereich der Ruhr-Universität. “Den Fuß in die Tür. Schreiben und Publizieren in Literaturbetrieb und Journalismus.” Meine Studis und ich durften das “Euro-Eck” benutzen, ein nettes Seminarhaus innerhalb einer Wohnheimanlage, in Spuckweite zur Querenburger Höhe, in der ich als Student selber ein kleines Zimmer hatte. Ein Waldstück weiter begann 1998 mein neues Leben als Student, im schwarzen Wohnheimkubus der Laerholzstraße hatte ich mein erstes Zimmer außerhalb des Elternhauses. In die andere Richtung geht es zur Rückseite der Uni, zu den gelben Gebäuden der Geisteswissenschaften, zum Lottental, zum botanischen Garten, in dem ich einst mit meinem ersten Burnout zusammenbrach, am nächsten Morgen zum Wandelgermanen werdend, barfuß flüchtend aus dem bewusstlosen Tempoleben zwischen Aktivismus und Akademie. Jeder Kubikzentimeter dieser Gegend ist aufgeladen mit Erinnerungen. Die alten müssen erst komprimiert werden, damit in diesem Raum noch Platz für neue ist. Heute lese ich bei Bochum TOTAL. Erstmals hat das Festival eine Bühne für Kabarett, Prosa und Slam Poetry, organisiert vom Kulturbüro Boskop und meiner ehemaligen Literaturgruppe Treibgut. “Lange nicht mehr gesehen. Hast ja richtig Karriere gemacht”, sagt eine alte Bekannte im Backstage hinter der Bühne an der Viktoriastraße und ich befinde mich in einem Wechselbad der Gefühle. Einerseits sind das hier alles meine alten Leute, andererseits bin ich nicht mehr der Uschmann, der im Kulturcafé seine ersten Stories bedeutungsschwanger von Blättern liest, die ein Pentium 1-PC ausgedruckt hat, während Limp Bizkit gerade der heiße Scheiß des Tages waren. Ich bin jetzt die Attraktion und wie sehr das bei einem Heimspiel in Bochum der Fall ist, wird mir erst bewusst, als ich nach der Ansage des Moderators auf die Bühne komme und davor ein Meer von Gesichtern sehe. Kein Witz. 100-150 Menschen, die ganze Straße, sie quetschen sich bis in die letzten Zwischenräume der Händlerstände. Ich stehe auf der “Wortschatzbühne” und davor sieht es aus, als hiebten hier gleich Funeral For A Friend in die Saiten. Oder Stoppock. Ich lese “Scheiß Staat” aus Voll beschäftigt, weil die Geschichte auf Bochum TOTAL spielt und stelle fest, dass ich einen Tunnelblick habe. Konzentriert auf meine Show bemerke ich erst sehr spät, wo überall im Publikum Bekannte und Freunde stehen. Mit einem Mal stechen sie hervor wie Mii-Figuren, die winken, wie Bojen, die kurz aus den Wogen ragen. Außerdem stelle ich fest, dass 30 Minuten sehr schnell vorbei sind. Bevor die Eins-Live-Bühne 800 Meter hinter uns mit dem Musikprogramm weitermacht, improvisiere ich noch “Closeline” in einer hektischen Schnellfassung, die mir ein wenig Hysterie erlaubt, was zwar nicht geplant war, aber anscheinend rockt, wie jedes Wort an diesem Tag. Besonders bei all den Anspielungen auf Musik, Amigaspiele, Wrestling oder Bochumer Regionalkultur kriegen viele junge Männer Identifikationsorgasmen. Sie schütteln sich dann, klatschen zwei Mal in die Hände, drehen den Kopf zur Seite, nicken gleichzeitig und zeigen auf mich, als wollten sie sagen: “Alter, den habe ich verstanden!” Ich liebe das. Nach der Show stehen die Leute Schlange für Autogramme, was ich bis heute irritierend finde. “Ich bin doch nicht Dieter Nuhr”, sage ich. “Gottseidank”, sagt ein Leser. Das irritiert mich. Ich mag den Dieter. Drei junge Punks haben auf ihrem Exemplar von Wandelgermanen meinen Namen durchgestrichen und durch Sven Regener ersetzt. Warum, sieht man links unten. Dort steht statt “Scherz” nun “Scheiss Visions”. Sie lieben Hartmut, aber sie hassen VISIONS. “Unterschreib bitte mit Sven Regener”, sagen sie und lachen. Ich überlege kurz, ob so eine Situation Nachsicht oder eine Triple Closeline erfordert und unterzeichne dann mit den Worten: “Sven Regener, SPEX.” Nach all dem entführen mich die Leute des erfolgreichen Online-Musikmagazins Get Addicted. Zum einen machen sie mit mir ihr Video-Interview für ihre Reihe “Unter Hirschen”, zum anderen fahren wir auf den abendlichen Campus und drehen auf meinen Vorschlag hin doch tatsächlich einen Film zu der brandneuen Studienreformsatire “ZüRUB in die Zukunft”, die seit ein paar Tagen auf hartmut-und-ich.de zu lesen ist. Wir bewandern den Campus und kombinieren Szenen aus der Geschichte mit improvisierter Polemik meinerseits. Zwischendurch frage ich mich, was ich hier tue. Ich gebe gelegentlich Seminare an der Ruhr-Uni und nun strecke ich meinen Schädel durch die rautenförmige Öffnung des Wegweisers vor dem GA-Hügel und sage Sätze wie: “Der Bachelor ist so schnell vorbei wie die 1-Sekunden-EP von Napalm Death. Man merkt nicht, dass man studiert hat.” Vielleicht ist das alles nicht klug, aber es macht Spaß und tut Not. Den Film findet Ihr, sobald er fertig produziert ist, natürlich auf der Hui-Seite. Da ich so verwegen bin, lass ich während des ganzen Drehs meinen Schlüsselbund auf einem Klapptisch vorm verwaisten Kulturcafé liegen und bin erleichtert, dass er nicht gestohlen wurde. Das war Kismet. Eine nette Geste dieses Campus, dieser Lebenskulisse, die ich heute – obschon bereits so dicht bepackt – mit ein paar weiteren unvergesslichen Erinnerungen bespielen durfte. Übermorgen geht das übrigens weiter: Die neuen Besitzer des realen Geländes der Wiemelhauser Straße waren bei dem Auftritt und erzählten mir, dass sie in den Ruinen des Hui-Hauses und des alten Gartens (480 Kilo Brombeerenstrauchmaterial) weitere Artefakte gefunden hätten, die sie mir am Sonntag gerne für den Garagenverkauf und/oder das eines Tages zu gründende Hui-Museum übergeben. Hätte ich heute eine Band gegründet, ich hätte sie “The Beloved Scars Of Memory” genannt. Gut, dass ich Schriftsteller wurde…

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