Tourtagebuch Reloaded – 06.07.2008 Bochum, Zeche

Ich bin überwältigt. Überwältigt von Erinnerungen, als ich durch unser altes Bochumer Viertel fahre, um vor meinem Auftritt in der Zeche das Gelände zu besuchen, auf dem damals das echte Hartmut-Haus stand. Der klapprige Mercedes ruckelt mich über die Bremshügel in der Straße, in der die Geschichte “Advent” spielt und durch die ich damals selbst nächtelang spazieren ging; vor den Fenstern der Bergbauhäuser über meine Zukunft nachdenken. Ich passiere die Schule und den Platz zwischen ein paar alten Häusern, den ich noch lange vor “Hartmut und ich” in Manuskripte eingebaut habe, die niemals das Licht der Öffentlichkeit erblicken werden. Ich seufze ein wenig. Die Luft hier ist noch dichter mit Erinnerungen gefüllt als an der Uni oder auf Bochum TOTAL. Die Signaturen tausender abendlicher Spaziergänge liegen noch in der Luft, immer noch nicht ganz ausgeschwungen.
Da, wo früher unser Haus stand, ist nun ein offenes Gelände mit Baugrube. In ihr ist bereits mit Fäden die Grundarchitektur des kommenden neuen Hauses markiert. “Das nennt man Fadengerüst”, erklärt mir der neue Besitzer, der mit Frau und Kindern im bereits restaurierten Garten sitzt und mir Kaffee und Kuchen anbietet. Ich setze mich, wie in Trance. Das war mal unser Garten? Der unwegsame Dschungel, den Hartmut zwar in Voll beschäftigt in einen Park verwandeln lässt, den wir in Wirklichkeit aber nie richtig nutzen konnten? Ich kann es nicht fassen. “Wir finden hier in jeder Bodenschicht Glasscherben”, sagen die neuen Besitzer, “und Tierknochen in Tüten. Hier wurde viel gefeiert, früher. Und viele Haustiere beerdigt.” Ich schaue über das Gelände. Die neuen Besitzer haben 11 Bäume entfernt, 480 Kilo Brombeerwildwuchs gehäckselt und den Teich freigeräumt. Sie haben schön und variabel bepflanzt, kleine Wege ziehen sich durch das Gelände, die noch vorhandenen Baumkronen spenden genau das richtige Maß an Licht und Schatten. “Früher hat man halt mit ganzen Tieren gedüngt”, lacht der Mann und zeigt mir bestens gelaunt die “Penispilze”, die jetzt hier wachsen, Stinkmorcheln, die tatsächlich wie Penisse aussehen und “4 Millimeter die Stunde wachsen.” Der Mann gefällt mir, er ist hartmutesk. Die Familie hat in den Trümmern ein paar Relikte gefunden und gibt sie mir mit. Ein leeres Biburger-Fass von 2003, das Blechschild mit der Hausnummer “418″ und – ich glaube es kaum – unsere alte grüne Küchenlampe. Wir sprechen noch ein wenig über die ehemaligen Bewohner, die Pommeswirte, die Ex-Besitzer und dass sie im Grunde so sind, wie ich sie in den Romanen beschreibe. Die Sonne scheint, ich blicke über leeres Land. Das Haus ist weg. Ich akzeptiere es, die neue Signatur kann in mein Hirn einrasten. Das ist gut.
In der Zeche programmiere ich ebenfalls um. Früher habe ich hier auf der Laderampe gegenüber des Eingangs gesessen, mit meinem realen Mitbewohner Nils Hansadosen geöffnet und das Konzert drinnen von draußen angehört. Abends. Mittags kämpfte ich mit einem anderen Freund auf eine Art und Weise für die Weltrevolution, in der ich es heute nicht mehr tun würde. Die Laderampe ist weg, der alte Freund ist nach heftigen Konflikten in der Vergangenheit wieder zugegen und ich bespiele im Rahmen des “Zechensommers” den ganzen Biergarten auf einer riesigen Bühne alleine. Alles neu. Vor dem Auftritt scherzen wir mit dem Veranstalter darüber, dass jeder Künstler ab einem gewissen Status Spleens haben muss, um ernstgenommen zu werden. Meiner ist heute, dass ich während der Show immer mal wieder Amigamusik von Chris Hülsbeck einspiele und einen Besucher raten lasse, was wir da gerade hören. Der Computernerd am Grill hat seine Freude daran, er muss heute nicht viele Menschen begrillen, denn Zeche und Literatur, das kriegen die Menschen noch nicht so zusammen. Ich gebe trotzdem alles, bringe die neue Story “ZüRUB in die Zukunft” und eine genüsslich lange Fassung von “Countdown” aus Voll beschäftigt, was ja bekanntlich genau hier spielt, in der Zeche, auf der Prinz-Regent-Straße, Coco Loco, Shell-Tankstelle, Wiemelhauser Straße, Kemnade. In dieser Welt, die ich gerade für mich recodiere, die neue Erinnerungsspuren bekommt, damit man nicht bei jedem Besuch völlig von den alten überwältigt wird. Das ist das eigentlich anstrengende an solchen Abenden und weniger die Power, ein kleines Publikum genauso zu rocken wie ein großes. Nach dem Auftritt backt mir der Barbecue-PC-Experte Brote mit Krautsalat und Ketchup-Matsch, da ich als Veggi mit Nackenkoteletts nichts anfangen kann, zeigt uns die 78 Romane, die als eBook auf seinem kleinen Tastaturpalm liegen und fachsimpelt mit uns über die Halbwertszeit von Technologie und die Strategie der Filmindustrie, neue DVDs absichtlich mit Rotstich zu versehen, damit die Leute zu bluRay wechseln. Ich schaue über den Hof, denke an das Leben, das ich früher hier führte und denke mir: “Das hatte auch einen Rotstich.” Jetzt ist es eher bluRay. Und ich bin glücklich damit.

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