Tourtagebuch Reloaded – 30.07.2008 Iserlohn, Literaturhotel Franzosenhohl

Immer, wenn ich in Hotelbars oder niederländischen Yachthafenkneipen danach gefragt werde, was ich tun würde, durchbräche ich eines Tages mit meinen Einnahmen die Millionenmarke, antworte ich in etwa mit folgendem Traum: Ich denke an ein Hotel, abgeschieden gelegen, am Hang eines bewaldeten, einem Bob-Ross-Gemälde ähnlichen Tals. Gigantischer, in den Hang gebauter Garten zum Lustwandeln, großer Teich, künstliches Sumpfgebiet mit Schilfgras, Wasserlauf. Stilvolle Einrichtung, Aquarium im Foyer, schräg gegenüber ein uriges Fachwerkrestaurant mit exzellenter Küche. Balkone und Terassen mit Blick ins Tal. Gute Luft. Günstiges Internet. Aber jetzt kommt der Clou: Das Ding soll ein “Literaturhotel” sein, mit einem Foyer wie ein Buchladen, in dem Tausende Bücher einfach so gratis zum Schmökern bereit stehen. In dem regelmäßig Lesungen und Workshops stattfinden und Autoren eine ganze Woche lang wohnen, ansprechbar für Gäste und Fans. In dem Dichter in aller Ruhe ihre Werke vollenden können, fernab von allem urbanen Lärm, obwohl das Ruhrgebiet bloß 25 Kilometer entfernt ist. Das würde ich machen als Millionär. Das Beste ist: Das hat schon jemand gemacht. Mein ab sofort neuer Lieblingsinvestor Dr. Helmut Holzhauer hat aus dem historischen, aus dem 19. Jahrhundert stammenden Hotel “Franzosenhohl” in Iserlohn das Literaturhotel Franzosenhohl gemacht. “Zu Beginn sah es bei uns genauso aus wie bei dem Fachwerkhaus in Wandelgermanen, erzählt die Betreiberin Andrea Reichart, als am Mittwoch Abend die Lesung beginnt und der Saal voll mit neuem Publikum ist, das von der Hui-Welt zum Teil noch nie etwas gehört hat. “Warum laufen Sie denn barfuß herum?”, fragt man mich vor dem Auftritt bei Sektempfang und Buffet, die hier obligatorisch zu jedem Leseabend dazu gehören. Sylvia und ich dürfen für die Gegenleistung von zwei Auftritten (eine “Wandelgermanen”-Show, ein “Wortguru”-Werkstattabend) ein paar Tage Urlaub hier machen und da somit das Konzept “make the artist lucky” aufgeht und Sylvias Lachen bei der Show mich doppelt anstachelt, biete ich eine äußerst launige Darbietung, von der das größtenteils ältere Publikum hinterher in der Bar sagt: “Wie Sie diese neue Leichtigkeit mit so viel Hintergrund zusammenbringen, das ist schon einzigartig.” So etwas geht runter wie Öl oder wie das leckere Xan-Wellnessbier, das es hier gibt. Die Tage verbringen wir damit, 275 der 2500 Bücher aus dem Foyer quer zu lesen, durch die Dechenhöhle zu krauchen, mit Gästen zu plaudern und Andrea Reichart bei der “Candle Light”-Lesung zuzuhören, bei der sie Hotelgästen aus dem Werk einer Autorin vorliest, die demnächst hier gastieren und auftreten soll. Außerdem erklettere ich barfuß den unserem Zimmerfenster gegenüber liegenden, bewaldeten Berg und stecke meinen Schädel in Teich und Kneipp-Becken des Gartens. Wunderbar! PS: Das Hotel ist bislang nur an den Abenden mit Lesung sowie Sonntags von 14-18 Uhr zur Besichtigung zugänglich. Buchen kann man bereits jederzeit, die offizielle Eröffnung erfolgt jedoch erst im Herbst, da noch die letzten Details gestaltet und gebaut werden müssen. Es ist momentan sozusagen noch seine eigene Promo-Version. Und das ist die beste Promo, die ich je genießen durfte!

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