Tourtagebuch Reloaded – 02.08.2008 Iserlohn, Literaturhotel Franzosenhohl

Wohnt man als Autor eine Woche im Literaturhotel, ist man angehalten, zwei Veranstaltungen anzubieten. Zu diesem Zweck habe ich eine neue Veranstaltung erfunden: Die “Wortguru”-Lesung. Eine Fusion aus einer normalen Hartmut-Show und meinem Wortguru-Workshop. Ich bringe Geschichten und Auszüge und erkläre anhand ihrer die wichtigsten praktischen Prinzipien des literarischen Schreibens. Ein umfangreiches, unterhaltsames Making Of mit vielen Einblicken in den real existierenden Kulturbetrieb. Das mache ich an diesem Abend und das Publikum ist angetan. Nein, das hätten sie nicht erwartet, höre ich in der Pause und nach der Veranstaltung. Solche “Werkstattgespräche” hätten sie bislang nur als knochentrockene Zeremonien erlebt, bei denen der Autor hin und wieder seinen eigenen Text kommentiert, aber ganz behutsam und eher beiläufig. Dass sich da aber einer hinsetze und so klipp und klar aufblättere, worauf es in diesem Beruf ankommt, das sei überaus inspirierend und einzigartig. Ich fühle mich geschmeichelt und danke innerlich den anderen Schriftstellern in diesem Lande, dass sie es mir so einfach machen. Nach allem, was ich von Veranstaltern und Publikum seit drei Jahren höre, heben diese bei einer “normalen” Lesung kaum ihr Gesicht aus dem Buch und verlassen niemals ihren Text. Überhaupt irgendetwas Freies und Kommentierendes zu sagen, ist für die meisten schon ein verwegener Ausbruch aus den Konventionen und heißt dann “Werkstattgespräch”. Vollständig, verständlich und ohne jede Metaphysik darzulegen, was man als Autor eigentlich tut und wie der Betrieb von innen aussieht, käme für die anderen wahrscheinlich einem Striptease gleich. Da mache ich mich doch gerne nackig! Wer von den Zuhörern schon vorher im Hotel weilte, konnte am Nachmittag zuvor allerdings auch beobachten, dass ich ein hartnäckiger Hund bin. Da erklomm ich den von scharfem Unterholz, gefällten Ästen und hundsgroßen Pilzen übersäten, bewaldeten Berg gegenüber unseres Hotelfensters mit blanken Füßen, um den Wandelgermanen in mir zu trainieren. Sylvia schoss Fotos aus dem Fenster. Nur vormittags arbeitete ich an der letzten Korrektur des vierten Hui-Romans MURP!. Der stellt unsere Freunde so heimatlos und von allen Seiten (Steuer, GEZ, Elitezüchter, Volkserzieher) gejagt dar, dass sie diese versteckte Oase in den Iserlohner Bergen lieben würden.

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