Tourtagebuch Reloaded – 11.09.2008 Gießen, Buchhandlung Thalia

Wer sich auch nur ein wenig mit den Prinzipien der Suggestion beschäftigt, weiß, dass in unserem Leben genau das wahr wird, an das wir denken. Das ist der Grund, warum ich diese neue Kampagne gegen das Rasen auf Autobahnen so hasse. Kennt ihr die? Diese weißen, wie Todesanzeigen gestalteten Plakate? Man sieht darauf Familien mit Kindern, nette Paare, freundliche Menschen. Man liest ihre Namen und darunter “Sie wollten schnell nach Hause” oder Ähnliches. Die Kampagne soll zu mehr Sicherheit im Straßenverkehr beitragen, aber sie bewirkt selbstverständlich das Gegenteil. Wir denken nicht an langsames Fahren, wenn wir diese Schilder sehen, sondern an Tod. An Tod, an Beerdigung, an Verderben. Wollte man erreichen, dass die Menschen an langsames Fahren denken, würde man schöne Landschaften abbilden, durch die ein Oldtimer fährt, ein Mann mit Lederhandschuhen am Steuer, seine Herzdame im weißen Kleid mit den Haaren im sanften Fahrtwind. So ein Motiv würde unsere Synapsen für Entschleunigung ansprechen, unsere romantische Ader. Wir würden denken: “Ach, die Welt war mal so langsam, so unschuldig. Können wir das nicht auch wieder sein? Machen wir erst mal Rast unter Kiefern. Oder gehen wir vom Gas.” Aber so denken deutsche Mahner und Warner nicht. Deutsche Mahner schreien uns alle paar Kilometer am Straßenrand entgegen: “TOD! TOD! TOD! UNFALLTOD!” und denken, wir würden dadurch ruhiger.
Ich jedenfalls werde nicht ruhiger, schon gar nicht, als mir auf dem Weg nach Gießen mitten auf der Autobahn bei Tempo 140 die Bremskraft versagt. Ich trete ins Leere. Meine Kehle schnürt sich zusammen. Vor mir ist Platz genug, um durch bloßes Rollen langsamer zu werden. Kurz darauf ist die Bremskraft wieder da. Mein Misstrauen aber bleibt. Ich nestele mich mit 80 km/h nach Gießen, checke im Hotel Tandreas ein, fahre mit dem Bus zur Thalia und bitte die Veranstalterin, mir für morgen früh eine Werkstatt zu besorgen, die das richtet. Morgen muss ich nach Wesel. Ich bin auf Tournee. Ich habe schon wieder eine Panne. Ich trage ein T-Shirt, auf dem “Wenig Arbeit ist eine Illusion” steht. Ich wundere mich hier über die Kraft der Suggestionen…

Der Auftritt selbst macht Spaß, ich erweise mich als Praktiker, indem ich vorher mit ein paar Handgriffen das Untermenü im Beamer finde, das meine Bilder ans Laufen bringt und nachher davon erzähle. Das Publikum ist angenehm gemischt, zwischen älteren und zivilisiert gekleideten Stammgästen sitzen junge Leute und ein Metal-Fan mit T-Shirt von Sacred Reich, der sämtliche Fragen des Quizzes über Germanische Mythologie, das ich zurzeit immer einstreue, beantworten kann. Er weiß, dass Thrym Thor seinen Hammer stahl. Er weiß, dass bei der Varusschlacht die Armeen des Arminius geschlagen wurden. Er weiß, dass das Eichhörnchen, das an der Weltenesche auf und ab rennt und dem Neiddrachen an ihrer Wurzel die Lästereien des Adlers in der Krone erzählt, Ratatökr heißt. Er weiß das, weil seine ehemalige Band sich nach dem kleinen Racker benannte. Solche Besucher machen Spaß. Angesagt wurde ich bei all dem vom ehemaligen Chef des Börsenvereins des deutschen Buchhandels und eventuell zukünftigem Bürgermeisterkandidaten der Stadt. Mein Fußbad ist warm und mollig. Alles ist gut. Im Hotel schmuggele ich eine Pizza vom Italiener nebenan in meiner Tasche an der Rezeption vorbei und verspeise sie, während ich eine Diskussion bei Maischberger sehe. Der ehemalige SPD-Mann Rudolf Dressler betont, dass Müntefering damals “gekämpft und gefightet” habe, “gekämpft und gefightet”, und ich denke mir: Mein lieber Scholli, der Mann hat gekämpft UND gefightet? Das ist ein Ding. Ansonsten reden sie den ganzen Abend über das Scheitern und wundern sich, dass sie scheitern. Sie wollten nur nach Hause…

This entry was posted in Tourtagebuch 2008 and tagged . Bookmark the permalink.

Comments are closed.