Tourtagebuch Reloaded – 12.09.2008 Wesel, Buchhandlung Dambeck

Den Morgen verbringe ich in der Mercedes-Filiale an der Marburger Straße. Um 7:30 Uhr inspiziert Herr Kaiser unseren alten 190er von Baujahr 1984 und stellt fest, dass der Bremskopfzylinder hinüber ist. Der Wagen bleibt in Gießen stehen, ich miete einen Chevrolet-Kleinwagen, packe mein Zeug in das neue Auto um, frage, was das alles zusammen kostet und akzeptiere, dass die Gage von gestern Abend damit bereits aufgelöst ist. Meiner Laune tut das keinen Abbruch, denn erstens telefoniere ich in dem neuen Wagen lange mit meiner Süßen und zweitens fahre ich in meine Geburtsstadt, in welcher ich heute eine Attraktion im Rahmen des Aktionstages “Ab in die Mitte!” bin. Ich habe nicht immer gute Laune, wenn ich nach Wesel fahre. Kommt der Prophet in die Heimat zurück, trifft er nicht immer nur Wohlgesinnte. Doch ich bin neugierig. Ich bin nämlich geflaggt. Jawohl! Die Stadt hat bei ihren langen Tagen der offenen Türen in der Fußgängerzone zehn Meter lange Banner von Haus zu Haus gehängt, auf denen die wichtigsten Prominenten gezeigt werden, welche Wesel hervorgebracht hat. Konrad Duden hängt da oder Ida Noddack, Andreas Vesalius oder Dieter Nuhr. Erfinder, Forscher, Künstler, Politiker. Ein Bild und kurze Vita, daneben ein Text, der beschreibt, was zu ihren Lebzeiten so los war in Deutschland. Und ich hänge da nun auch, kurz vorm Kaufhof, in den ich damals als kleiner 10-jähriger Stöpsel hinein ging, um in der Computerabteilung neue C64-Spiele zu gucken und in der Musikecke Michael Bolton als MC sowie Roxette als Vinyl-LP zu erwerben. (Ja, Michael Bolton, Ihr habt richtig gelesen!) Da hänge ich, “Oliver Uschmann, Schriftsteller, 1977″. Ein komisches Gefühl. Ich lebe ja noch. Ich bin nie im Fernsehen. Niemand erkennt mich. Ich habe keine Reclam-Gesamtausgabe. Ich bin prominent…

In der Buchhandlung Dambeck (hier stellte ich mit 17 Jahren meine ersten Beiträge in obskuren Anthologien von Zuschussverlagen in Kommission aus) mache ich heute eine Mischung aus Lesung und Vortrag unter dem Motto “Hartmut und der Wortguru”. Ich lese und erläutere das Handwerkszeug des Schreibens. Erster Gast ist ein Mann in lupenreiner Heavy-Metal-Kutte, bedeutend krasser ausgestattet als der Mittelalterspezialist in Gießen, inklusive Nietenarmbändern, Kopftuch und einem Freddy-Krueger-artigen Krallenfinger. “Hallo, Oliver”, sagt er und zeigt mir ein Foto aus dem Kindergarten. “Ich bin’s, Matthias!” Matthias… alter Kumpel aus dem Kindergarten, unerkennbar, so wie heute ich. Er erzählt, ich sage jetzt nicht was alles, denn ich plaudere nicht Privates aus ohne Einverständnis. Ich sage nur soviel: Im Gegensatz zu vielen anderen Männern in Metal-Klamotten kleidet er sich nicht nur krass, sondern hat in den letzten 25 Jahren ein Leben gehabt, dass in der Tat derart extrem verlief, dass mir die Spucke wegbleibt. Meine Eltern und meine Tante sind da, einige Gäste, die irgendwie alle direkt oder über mehrere Ecken Verwandte ehemaliger Mitschüler sind, sonst niemand, den ich kenne. Nach der Show sagt die Mutter eines Ex-Mitschülers, sie sei jetzt ernsthaft motiviert, sich als Schriftstellerin zu versuchen. Ein besseres Lob gibt es nicht. Ich gehe mit meiner Familie essen, fahre mit dem Mietwagen heim in dem Wissen, den Mercedes schon in sieben Stunden in Hessen wieder abholen zu müssen und denke auf der dunklen Autobahn über Vergangenheit und Gegenwart nach. Früher stöberte ich C64-Spiele und ging zu meiner Oma essen, heute besuche ich sie vor der Lesung im Heim und merke, wie Zärtlichkeit und Stolz über ihren “berühmten” Enkel noch zu ihr durchdringen, sonst aber nichts mehr und auch nicht für lange. “Jetzt, wo dein Sohn geflaggt ist, siehst du ihn ja öfter als sonst, was?”, scherzte ein Bekannter meines Vaters letzte Woche in der Stadt. Der leise Vorwurf dieser Sätze ist dann ein Grund, warum die Heimkehr von der Unschuld des C64-Kaufhofes nichts mehr haben kann.

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