Tourtagebuch Reloaded – 17.09.2008 Wilhemshaven, Nautilus

“Der Künstler darf sich vorher nicht blicken lassen. Das zerstört den Moment. Die Spannung. Er ist die Attraktion des Abends. Er hat nicht schon aufzutauchen, bevor es losgeht.” So sprach Mario Adorf, kürzlich vor mir Gast der Buchhandlung Gedankenflieger, die diesen Abend in der Lounge des Hafenrestaurants Nautilus organisiert. Ein ehrenvoller Vorgänger und ein kluger Mann. Ich gewöhne mich nur langsam an diese Regel. Ich bin es gewohnt, vor Auftritten selber Kabel zu stecken und stundenlang mit Leuten zu quatschen, aber Mario Adorf hat Recht. Das nimmt etwas von der Aura, und Aura ist wichtig. In einem noblen Umfeld wie dem heutigen fällt es leichter, sich adorfesk zu verhalten. Es wirkt sogar. Die Bediensteten rollen meine Kabel, packen meine Taschen, sind so zuvorkommend, als sei ich Mario Adorf. Warum erstaunt mich das eigentlich? Ich warte im hinteren Bereich der Lokalität über dem Oceanis, mache mir Notizen und betrete den Raum erst, als Herr Busz mit seiner sehr guten Vorrede fertig ist. Dann setze ich mich und thematisiere, wie wichtig es sei, sich vorher nicht blicken zu lassen. Es machen, ABER darüber scherzen. Das passt am besten zu mir. Ein Gast ist tatsächlich barfuß angereist, seine Freundin meint, sie wäre gerne “mit Schürze gekommen, wie Johanna”. Ich improvisiere viel und übe mich in Entschleunigung. Pointen nachwirken lassen, mehr Visuelles in aller Ruhe zeigen, die metaphorische Bedeutung unseres “Baumarktspiels” auf wandelgermanen.de erläutern, über Theorie und Praxis sprechen, auch mal die Klappe halten und Wasser trinken. Es läuft sehr gut, die Menschen amüsieren sich, ich bringe wie schon in Gießen und Wesel erste Auszüge aus MURP!, dem vierten Teil.

Am Abend schmuggle ich wieder Pizza aus einer Pizzeria neben dem Hotel aufs Zimmer, schalte erneut eine Talkshow ein und sehe, wie Oliver Pocher bei Kerner erzählt, dass er ein Jahr Freizeitparkverbot in den USA bekommen hat, da er in der Warteschlange “line cutting” betrieb. Pocher imitiert die amerikanischen Sicherheitsleute des Freizeitparks und brüllt so laut herum, dass schnell klar wird: Der Ami ist ein hysterischer Terrorist, der seine eigene Unsicherheit hinter Waffenspielen verbirgt. Trotz des wahren Kerns dieser Aussage ist es würdelos, wie leicht sich damit in Deutschland die Menschen ködern lassen. Und zwar alle. Beim Scheibenwischer macht ein Nachwuchskabarettist einen Witz über Präsidentschaftskandidat John McCain. Er lässt ihn einen Negerkuss essen und sagen: “Man muss sie vernichten, wenn sie noch klein sind.” Ein Humor, so subtil, als sei der öffentlich-rechtlich finanzierte, von wohlhabenden Bildungsbürgern beklatschte Politsatiriker bei Oliver Pocher in die Polemikschule gegangen. Aus Spaß gehe ich nach unten ins Foyer, halte mir die Schläfe, bitte um ein Pflaster und sage auf die Frage, was denn passiert sei: “Das war der Ami.” Die Rezeptionistin wundert sich nicht, gibt mir das Pflaster und sagt: “Die glauben auch, weil sie Hitler verjagt haben, dürfen sie mit uns alles machen. Aber das darf man ja nicht sagen.” Ich nicke: “Nein”, sage ich, “das darf man nirgendwo sagen. Das wird gnadenlos zensiert.” Dann gehe ich wieder aufs Zimmer, werfe das Internet an und lese zur Absolvierung meiner täglichen 15 Minuten Bildung und Synapsentraining ein paar Artikel über die amerikanische Kulturgeschichte, die gar nicht existiert.

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