Tourtagebuch Reloaded – 18.09.2008 Leer, Kulturspeicher

Friedeburg ist ein verschlafener Ort zwischen Wilhemshaven und Leer. Nette Gärten, kleine Bäckereien, Zahnärzte mit großen Parkplatzflächen, eine Landstraße, Schauräume von Heizungsinstallateuren. Ein Nest. Dieses Nest wird am Nachmittag des 18.09. Schauplatz eines spektakulären Stunts des Autors Oliver Uschmann und seines erst letzte Woche reparierten Mercedes 190 E von 1984. Auf Höhe besagten Zahnarztes und Installateurs fällt Uschmann während der Fahrt der Auspuff ab, schleift eine Sekunde über den Boden, verkantet sich dann unter dem Auto, drückt es mit einem frechen Hüpfer nach oben, dreht sich um und schmilzt sein heißes Rohrende in das Rückenblech. Uschmann erträgt es einfach auf dem Fahrersitz, hüpft mit, als trüge er einen Anglerhut und sei ein geduldiger alter Mann, biegt in die Straße zwischen Zahnarzt und Installateur ein, steigt aus und macht, was er seit zwei Jahren wie aus dem Eff Eff beherrscht. Warnblinklicht an, Warndreieck aufstellen, ADAC anrufen. Mitgliedsnummer nennen, Kennzeichen nennen, Standort nennen… Standort? Jetzt ist Uschmann raus. Wo ist er, fragt er sich? Wie heißt dieser Ort? Uschmann stammelt. Uschmann läuft über die Landstraße zu einem Sonnenstudio, betritt den kleinen Raum und ruft nach Hilfe. Es meldet sich niemand. Es gibt nicht mal einen Tresen. Es ist gespenstisch. Uschmann fragt sich, ob unter einer der Liegen ein verkohlter Kunde liegen mag. Uschmann fragt sich, warum hier niemand ist. Uschmann stellt fest: Es ist ein Selbstbedienungsbräunungsstudio. Uschmann rast zum Haus gegenüber und fragt wie einst Michael Biehn in “Terminator 1″: “Wo bin ich hier?” Es fehlt nur noch, dass er fragt: “Welcher Tag ist heute? Und welches Jahr????” Er bekommt seine Informationen. Die ADAC-Frau nimmt die Daten entgegen und will ihm in seiner Not auch noch eine teurere Plus-Mitgliedschaft andrehen. Er beschimpft sie. Ein alter Mann, der zum Installateursbüro gehört und ein schön gestaltetes Grundstück hat, schiebt mit Uschmann den Wagen auf seinen Parkplatz, nachdem er den Auspuff einfach vom Blech getrennt hat, was Uschmann sich nicht traute. “Der Topf ist sauber abgebrochen”, sagt er, “kein Schaden am Bodenblech. Glück gehabt.” Uschmann freut sich, er hat Glück gehabt. Der ADAC-Mann kommt eine Stunde später, näht den Auspuff provisorisch an und schickt Uschmann zu A.T.U. nach Leer. Dort bockt ein praktischer Mann den Wagen auf, ersetzt den Auspuff durch einen strahlend neuen und rettet Uschmanns Ostfriesland-Tournee. Die Rechnung kommt. Jetzt ist die Gage von Wilhemshaven weg. Im Grunde kann man sagen, dass Uschmann komplett gratis auf Tournee geht.

Am Abend gibt Uschmann im Kulturspeicher eine Performance, die so frei, so improvisiert und so gestenreich ist wie noch NIE zuvor. Er liest kaum, erzählt endlos Anekdoten aus seinem Leben, polemisiert wie ein Stammtischbruder mit gewisser intellektueller Tiefenschärfe über den Zustand der Welt, nimmt die Brille ab, setzt die Brille auf, schreit, schauspielert, lässt sich gehen. Das kommt gut an. Das sonst so kühle nordische Publikum lacht wie einst bei Harald Schmidt, schmeißt sich weg, genießt das Bombardement aus bösen, wahren Sätzen, die Uschmann seinen Hartmut sagen lässt. Nach dem Gig belauscht Uschmann das Publikum. Eine Dame sagt, das wäre intensiver als beim Wladimir Kaminer gewesen, zwei junge Männer unterhalten sich über die “riesige Flashpage” zu den Büchern, der Begriff “Hui-Welt” fällt häufig. Das tut Uschmann gut. Im Fernseher im Hotel reden deutsche Mahner und Warner über den Amerikaner, der dem deutschen kleinen Mann sein Geld wegnimmt. Der ehemalige Chef der deutschen Bank bemerkt dazu, dass ein Privatkunde, der sich ein Investment andrehen lässt, dass er nicht versteht, auch selbst dran Schuld sei, wenn er sein Geld verliert. Das klingt für Uschmanns Ohren vernünftig. Menschen nur für verführbare Schäfchen zu halten, die gar nichts dafür können, wenn sie auf die Verführung eingehen, hält Uschmann für respektlos gegenüber den Menschen. Die Mahner und Warner machen das aber. Wahrscheinlich, weil sie dann die Betreuer dieser Schäfchen werden können. Ohne Schäfchen kein Schäfer. Heute geht Uschmann zeitig ins Bett. Wer weiß, welches Teil ihm morgen vom Wagen fällt…

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