Tourtagebuch Reloaded – 19.09.2008 Hamburg, Die Motte

Hamburg scheint mir die größte und komplizierteste Stadt des Landes zu sein. Zeigt der Navi noch 25 Kilometer bis zum Ziel, beginnen die Autobahnausfahrten bereits mit “HH”-Ortsteilen und fährt man schließlich vor dem Elbtunnel ab und überirdisch in das Hafengebiet ein, wird einem im Auto schwindelig. Die endlosen, gigantischen Kräne und Containervorrichtungen, das Geflecht aus Straßen, Wegen, Schienen, Zollstationen, Wasserwegen und Gebäuden, auf das man von der erhöhten Straße hinabsieht. So unendlich weitläufig und verwirrend wie die Megacities in den Cyberpunkromanen von William Gibson; wäre es die Map eines Egoshooters oder Action-Adventures, wäre allein diese Hafenstadt eine wochenlange Erkundungsaufgabe. Ich fahre über die schmale, achterbahnhohe Brücke, bei der man selbst im Auto Schwindelgefühle bekommt. Hinter und vor mir LKWs, die Fracht für die Schiffe bringen, im Tank kein Sprit mehr. Die Lampe leuchtet, schon seit zehn Minuten, und ich schwitze und umklammere das Lenkrad. Bitte nicht liegenbleiben 150 Meter über der Hafencity auf einer Brücke ohne Standstreifen, schmal und hoch wie meine alten Aufbauten der Hot Wheels-Bahn im Kinderzimmer! Hinter der Brücke beruhigt sich mein Puls ein wenig, ich biege ab, halte an einer Bushaltestelle und fülle aus dem Kanister im Kofferraum den Tank auf.

Hat man den Hafen geschafft, kommt die City. Und erwähnte ich es schon? Sie ist die komplizierteste der Welt. Navi hin, Navi her, biegt man hier einmal schief ab, fährt man ausladende Schleifen, um drehen zu können. Die Spuren sind vielfältig und trickreich, außerdem laufen unablässig Menschen auf die Straße, da der FC St.Pauli spielt und das Millerntorstadion die Besucher anzieht wie ein Magnet die Eisenspäne und alten Schrauben aus allen Garagenecken. Mein Hotel Pacific liegt in der Nähe des Stadions, doch es gelingt mir weder, es mit dem Wagen zu finden noch näher an ihm zu parken als 1,4 Kilometer. In 1,4 Kilometer zum Hotel gibt es einen Parkstreifen vor dem Justizgebäude, der mich beruhigt. Er ist gratis, neben ihm ist eine Etage tiefer ein kleiner Park, vor ihm ein paar Meter weiter eine U-Bahn-Station. Ich schultere meine Sachen, gehe zum Hotel und betrete es vorbei an einem Mann, der umringt von einer Traube Menschen die Gitarre rausholt und vor der Tür Beatles-Lieder singt. Der Mann ist ein Stadtführer, das Hotel der ehemalige Wohnort der Beatles. 1962 haben sie hier logiert, im Geschäft nebenan hat Paul McCartney seinen Bass gekauft. Die Ledercouchen in der Lobby sind so alt und abgewetzt, dass sie bestimmt noch die Originale sind. Ich setze mich auf eine und schreibe ein paar Seiten in meinem nächsten Manuskript, so dass ich sagen kann: Seite 245-248 vom fünften Band der Hui-Reihe sind auf der Couch entstanden, in die schon Paul McCartney hineingepupt hat. Ansonsten belegt das Hotel in seiner Schlichtheit (Klos auf dem Flur, im Zimmer nur eine Psycho-Duschkabine und ein Becken mit Plastikschrank), dass die Beatles 1962 noch eine kleine Band waren…

“Klein” sind auch noch der Hamburger Songwriter Falco sowie mein alter Kumpel Alex Amsterdam samt seines Keyboarders, doch auf unserer von Contre le vent organisierten, gemeinsamen Show mit Headliner Ton benehmen sie sich nicht so. Falco singt so saftig und ungebrochen, als träfe Eddie Vedder auf Garth Brooks, und Alex geht an seiner Akustikgitarre zu den immer wieder herrlichen Songs seines Albums Stillness Of A Moment so ab, als hätte er in dem winzigen Backstage der Motte Aufputschmittel genommen. Da gibt es aber keine Aufputschmittel, nur Fleischsalat und Brezeln. Alex hat kein Label, aber eine schöne CD, Shirts, Buttons, ein Logo und ein Backdrop. Ton sind wegen des Sängers Tobias Vergangenheit als Sänger der Wohlstandskinder zwar schon etablierter, haben aber auch kein Label und ein grandioses Album. Ich habe zwar ein Label, mache heute aber vor Ton “Spoken Word” und weiß nicht so recht, ob ich die Leute mit Geschichten kriegen kann oder ob sie alle nur auf die Hauptband warten. Doch dann läuft es euphorisierend gut. Ich bringe “Closeline”, “The Nightfly” und “Scheiß Staat” mit vielen Anekdoten aus dem Musikbetrieb und in dem rotzigsten Ruhrpott-Sound, der mir zur Verfügung steht. Das rockt das Haus. Am Ende erzähle ich von der “Wannenunterhaltung” auf hartmut-und-ich.de und dass dort auch Ton vorgestellt wurden. Ein Zuhörer fragt, was denn dort stehe und ich sage: “Hartmut hört wieder seine experimentelle Musik und sagt, die sei hart, ohne macho zu sein, innovativ, ohne angeberisch zu sein usw…, bis “Ich” explodiert und sagt: “Jetzt hör doch mal auf mit deinem ‘Komma, ohne!’ Immer nur ‘Komma, ohne’. Ich will kein ‘Komma, ohne’, ich will Musik, die es Ernst meint, die nicht ironisch ist und die mich berührt und das, das ist Ton.” Eine Überleitung, die bei den Fans der Band Jubel auslöst und mich froh macht, weil sie rhetorisch gut war und genau das ausdrückt, was ich empfinde, als ich bei ihrem Konzert kurz darauf mit Alex Amsterdam lauthals diese unfassbar guten Songs mitsinge. “Hallo Realität”, “Die beste Antwort”, “Das Angebot”, “Lieder, in denen Berlin vorkommt”… das sind Melodien von einer Klarheit und bittersüßen, melancholisch-hymnischen Euphorie, als wäre diese Band nur für mich erfunden worden. Gegen 1:30 Uhr laufe ich mit Alex und seinem Pianisten zum Taxistand am Bahnhof Altona. Dort steht ein graumelierter Fahrer, in dessen Wagen laut Rockmusik läuft, bluesig-groovige Muckermusik. Wir sagen: “Hey, hier stimmt ja sogar der Soundtrack!” Der Mann lädt die Instrumente und meine Taschen ein, erzählt von den Gitarren, die er spiele und seiner Bluesrockband, während er mich zum Pacific bringt. Davor erinnert er sich daran, dass die Beatles damals Schuld waren, dass er sein Studium hinschmiss, um Gitarrist zu werden. “Vater war empört”, erzählt er in gebrochenem Deutsch, “aber damals nix anderes im Kopf. War tolle Zeit. Leben gefährlich, wer jemals etwas sagte gegen Beatles!” Ich steige aus, betrete das Hotel und stelle mir vor, wie Paul, George, John und Ringo damals hier genau diese abgetretenen Stufen hochgetorkelt sind. Es hat was. Um meinen nächsten Romanhit weiterzuschreiben, bin ich heute Nacht jedoch zu müde…

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