Tourtagebuch Reloaded – 24.09.2008 Karlsruhe, Jubez

Nerds sind ein Völkchen für sich. Chris Marmann, seit über 20 Jahren Veranstalter und wie ich Gelegenheitsautor für die Testcard, ist ein Nerd. Ich bin es auch. Das merkt man daran, dass wir uns nach meiner Ankunft im Jubez nicht über das Wetter, den Karlsruher SC oder John Mc Cain, sondern über Musik unterhalten. Über sehr spezielle Musik. Chris liebt Postrock, Doom und Drone, also all jene musikalischen Extremsportarten, in denen Lautstärke, sogartige Atmosphäre und manchmal sogar akustische Erzählungen Hand in Hand gehen. Wenn er From Monument To Masses, Cult Of Luna oder Explosions In The Sky redet, weiß ich nicht nur, was gemeint ist, sondern habe ganze Welten in den Ohren. An die 278 Namen deklinieren wir an dem Abend durch und ich bin geschockt, dass ich keinen einzigen davon nicht kenne. Wie voll ist unser Hirn mit so etwas, denke ich mir, wo auch anderes sein könnte. “Weißt du zum Beispiel, welche Länder an Panama grenzen?”, frage ich ihn. Er weiß es. Ich nicht. Das mag daran liegen, dass in meinem Hirnspeicher zu den Bands auch noch Spiele dazu kommen. Auf der Hinfahrt spiele ich auf meinem chinesischen 128-Spiele-Modul “Ninja Kun”, “Night Arrow”, “Ice Climber”, “Pyramid” und “Excite Bike” und weiß, dass ich auch diese Namen nicht vergessen werde.

Auf der Bühne des Jubez bade ich Füße, werfe zwischendurch den Mikroständer von der Bühne, zeige Spiele und Fotos und muss zwischenzeitlich ebenso konfus wie pontiert wirken. Das schließt sich ja nicht aus. Ich erkenne mehr und mehr, dass gepflegtes Durch-den-Wind-Sein dem Publikum wie mir ebenso viel Spaß macht. Im Raum steht ein Baum aus Pappmaché, ganz wie die Eiche in Torstens Zimmer bei den Wandelgermanen. Im Publikum befinden sich ein paar Hardrocker, die mich für einen Kumpel namens “Medusa” ein Exemplar des Romans unterzeichnen lassen. Dessen Freund wiederum stellt sich als der Heavy-Metal-Germanen-Experte heraus, der in Gießen jede Frage zum Germanenquiz beantworten konnte. Die Welt ist klein und weil es so gut passt, lese ich heute auch die Stellen, in denen auf all die Metalbands angespielt wird. Veranstalter Chris hat sie alle schon “gemacht”, wie man im Jargon sagt, mit 16 hat er angefangen, da, wo andere noch Programme auf ihr Handy runterladen, die angeblich anzeigen können, ob Freund oder Feind in der Nähe ist. Der Auftritt macht großen Spaß, das Feedback ist bombig und das Hotel, in das ich danach zurückkehren kann, ist ein Vier-Sterne-Glück mit Wanne im Bad, “Heroes” im Fernseher und einer Packung Maultaschen, die samt Senf und einer Orange auf meinem Zimmer liegt. “Was machen denn hier oben die Maultauschen?”, frage ich an der Rezeption.
“Sie haben Maultauschen auf dem Zimmer?”
“Ja.”
“Da muss ich mich informieren.”
(10 Sekunden später, eine andere Stimme): “Herr Uschmann, die Maultaschen sind für Sie. Das ist hier so Sitte in Karlsruhe.” Draußen wimmelt es von Zivilpolizei und im Hotel bekommt jeder Gast eine Packung Maultaschen. Man lernt nie aus. Vorm Schlafengehen höre ich mir noch ein paar der Bands an, über die Chris und ich fachgesimpelt hatten. Dann krieche ich ins Bett zu den acht (!) zur Wahl stehenden Kissen, wähle alle und schlafe ein paar Stunden.

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