Tourtagebuch Reloaded – 25.09.2008 Ludwigsburg, Maxstrasse 1

Es gibt Tage, die beginnen schlecht und bauen dann noch ab. Am Morgen liege ich im Hotel in der Wanne, lese Intro und rege mich auf. Über Kollegen, die Deichkind nach der Legitimation der Jägermeister Rock Liga und ihrem Partypublikum fragen und es am liebsten sähen, wenn man bei dieser Gruppe nur mit dem Nachweis rein käme, dass man die neo-dadaistischen Ansätze konzeptuell begriffen hat. Über Kollegen, die Kimya Dawsons neuer Kinderplatte vorwerfen, den Familienministerien dieser Welt in die Hände zu spielen und mit ihrem Rückgriff auf die “scheinbar unschuldige Enklave der Familie” dem “Essentialismus gefährlich nahe zu kommen”. Über die ganze Maschinerie, die ihre ideologischen und programmatischen Schablonen über die Flut an monatlich veröffentlichten Werken stülpt und alles wegstreicht, was nicht zu den Linien passt. Im Zug Richtung Ludwigsburg rege ich mich auf über Menschen, die aus dem Rachen wie aus dem Arsch duften und dazu noch Mettbrötchen essen, die so stinken, dass allein dass Passiv-Mett-Essen zu Atemwegsbeschwerden führt. Derweil zieht draußen Bietigheim-Bissingen vorbei, die Heimatstadt Purs, zu deren “Ehren” ich heute Abend in der Maxstrasse nach dem Wandelgermanen-Teil auch “Weinen mit Hartmut” lesen werde. Die Mitglieder dieser Band kennen sich in der Szene von Ludwigsburg gut aus und spielen bis heute Sessions mit anderen Musikern auf winzigen offenen Bühnen. Hartmut (Engler) sieht das nicht gerne, aber lässt eine lange Leine. Derlei erzählen mir Johanna und Jens, enthusiastische Veranstalter der Kleinkunstbar Maxstrasse 1, die mich heute Abend irrsinnig überrascht. Als ich sie zu Fuß vom Hotel Favorit aus suche, rege ich mich immer noch auf. Weil es in Strömen regnet. Weil ich überarbeitet bin. Weil irgendwelche Idioten Hunderte von Milliarden auf den Finanzmärkten verblasen haben, was jetzt auch unser Geld gefährdet. Es könnte eine Inflation geben. Es nicht in der Hand zu haben, macht mich fahrig, stresst mich. Dass ich die Straße kaum finde, auch. Als ich sie dann finde, liegt der Club als kleiner Flachbau mitten in einem Wohngebiet. Reihenhäuser im exakt identischen Harry-Potter-Vorstadt-Muggle-Look, Carports, ein Kiesweg zu einem Spielplatz, mit Büschen umwachsen. Nie ahnte man, dass hier eine der stilvollsten und feinsten kleinen Bühnen des Landes zu Hause ist, erst 2007 gegründet und schon ein vorbildlicher Platz für Literatur, Kabarett, Folk, Jazz, Improtheater, Kunst und Workshops. Johanna und Jens kennen meine Bücher nur ungenau, das Publikum, das sich hier raus wagt, kommt in einer Gruppe als Fans und in der anderen als Zufallsgäste. Es gibt keinen Beamer. Nur mich in einem tiefen Ledersessel und das Mikro. Ich war bis eben schlecht drauf. Doch spätestens, als ich zu lesen beginne, passiert etwas Außergewöhnliches. Ich lese mehr als sonst in einer entschleunigten Trance. Übermütig und zugleich langsam. Mit sehr vielen Einschüben und Pausen und doch Tonnen an Material. Mit Kommentaren zu mir und meinem Werk, die sich anfühlen, als würde ich hier in Maßen den Verrückten geben. Das tut gut, denn unwahr ist es ja auch nicht. Ich bin nicht immer nur das Honigkuchenpferd. Ich bocke auch, verbeiße mich und trete mir mit den Hufen selbst vor’s Schienenbein. Die Reaktionen des Publikums auf den heutigen Abend sind sensationell. Ich bekomme ein Ausmaß an Applaus und Zuspruch, das mich verlegen macht, verkaufe den ganzen Büchertisch samt Tisch, Theke, Beinen und Preisschild und darf das Kompliment entgegen nehmen, einen bislang vollkommen Hui-Unbeleckten “innerhalb von fünf Minuten wie durch einen Sog in eine andere Welt gezogen zu haben”. Am Ende zähle ich mein Salär aus einer “Kulturtasche”, die hier nach jeder Show rumgeht, da in der Maxstrasse jeder selbst entscheiden kann, was ihm die Show wert war. Das rentiert sich kaum finanziell, aber seelisch ist der Abend ein Balsam. Selig rufe ich mein Erdbeercrépe an, berichte ihr vor den Fenstern der identischen Häuser spazierend vom Abend, esse noch einen Flammkuchen an der Bar und lasse mich von Jens zum Hotel bringen. Hierher komme ich sicher wieder.

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