Tourtagebuch Reloaded – 12.10.2008 Berlin, DDR-Museum (Videodreh zu MURP!)

Ich gebe es zu, ich genieße den Glamour. Nicht den mit roten Teppichen, Blitzlichtern und Galaveranstaltungen, für die man sich extrem teure Anzüge kaufen muss. Den nicht. Ich möchte nicht mit Kollege Ralf Schmitz tauschen und bei der goldenen Kamera nach Marcel Reich-Ranickis Generalabrechnung plötzlich lang eingeprobte Comedy machen müssen. Ich meine den stillen Glamour eines Leben als Kultur- und Medienschaffender und als Künstler. Der Glamour, der darin liegt, sagen zu können: “Ich fahre schon heute Abend nach Berlin und checke um 21 Uhr ins Hotelhochhaus Park Inn ein, an dessen Fuß das Berliner Oktoberfest tobt, denn morgen muss ich um 6 Uhr früh zum Dreh. Das ist doch ein toller Satz. “Hach, ich kriege wenig Schlaf, ich muss um 6 zum Dreh.” Ich gebe es zu, ich sage den Satz an diesem Abend und am nächsten Morgen öfter. Quasi wo immer ich kann. Rezeption: “Verzeihung, starten hier morgen früh um 5:30 Uhr auch Taxen für so kurze Strecken wie die zum DDR-Museum? Ich habe viel zu tragen, ich muss da nämlich drehen.” Oder Imbissbude des Oktoberfestes, im orangen Licht, kurz vor Feierabend: “Kann ich noch etwas Nervennahrung haben, als Betthupferl? Ich muss gut einschlafen können, denn ich muss in ein paar Stunden fit sein. Ich habe da einen Dreh.” Ich bin furchtbar, ich weiß. Aber es ist halt spannend für mich. Immer noch, immer wieder. Das viele, was ich zu tragen habe, sind übrigens neben meinem Koffer zwei Anzug-Hemd-Krawatte-Socken-Kombinationen, die Sylvia und ich tags zuvor in Bergkamen bei C&A, Tedi und Kik gekauft haben. Tragen werden sie Axel Bosse und ich, auf einer Couch im nachgestellten Spießerwohnzimmer des DDR-Museums. Wir drehen dort das Video zu “Wie wir zu leben haben”, der Single, die als Soundtrack zum neuen Hui-Roman MURP! am 11.11. in den digitalen Geschäften erscheint. Für dieses eine Lied bilden wir gemeinsam das Duo “MURP!”. Er schrieb das Lied und ich den Text und nun sitzen wir da in der DDR-Kulisse mit Couch, Schrankwand, Küche und Klo als absurd-konformistische Karikatur in Anzügen von C&A, die als Label das Logo der BILD eingestickt haben, weil die mit der Textilkette eine Discount-Kollektion gemacht hat. Die Hemden von kik fühlen sich an wie Plastik, die Krawatten lassen den Betrachter sofort erblinden und würden mit rosa Snoopy-Söckchen korrespondieren, hätte ich nicht meine dafür nötigen Halbschuhe vergessen, würde man unsere Füße sehen und würde Regisseur Oliver Preusche, der bereits den Barfuß-Hochhaus-Spot für Wandelgermanen realisierte, die Söckchen mögen. Tut er aber nicht. Ansonsten hat er mit dieser Kulisse eine exzellente Idee gehabt und zusätzlich einen Hamstertrainer samt Käfig organisiert. Warum, seht ihr dann im November. Der Kameramann schraubt derweil zwischen den Einstellungen so zügig immer wieder das gesamte Set neu zusammen, dass man Professionalität bald durch seinen Namen ersetzen könnte. Das Endergebnis ist hartmutesk und ebenfalls spätestens ab dem 11.11. auf unseren Homepages sowie auf YouTube & Co zu sehen. Und im Fernsehen, wenn ihr alle in der ersten Woche für 99 Cent die Dingle kauft und in die Charts gehen lasst. Der bis 10 Uhr erlaubte Dreh dauert bis fast am Mittag. Es kommen Besuchermassen, Kinder sehen den Hamster und wollen ihn alle haben, in den Drehpausen schaue ich mir immer wieder das Museum an und werde nachdenklich durch das, was ich da sehe und lese. Erkenne die Trennung zwischen Politischem und Privaten im realen Sozialismus jener Zeit. Lese und höre, wie die Bürger “das kleine Glück” zwischen günstigem Wohnen, geregelter Arbeit, Datsche im Grünen und Urlaub im Rügen genossen, weil ihnen im wahrsten Sinne des Wortes keine Wahl blieb. Lese und sehe, wie der jeweils Einzelne dieses Leben als in Ordnung empfinden konnte, ohne mit dem System selbst und seiner Ideologie einverstanden zu sein. Lese, wie unentfremdete, gegenseitige, dezentrale, nachbarschaftliche Hilfe und Gemeinschaft zustande kam, weil das System sie durch Mangelwirtschaft und Repression erzwang. Es erschuf sozusagen Gemeinschaft, weil man sie gegen es brauchte. Ein spannendes Paradox. Aus einem Lautsprecher sagt ein Bauarbeiter in breitestem Sächsisch: “Nu jö, es wör holt, wie es wöar. Ob es güt wör? Das weiß ich nicht.”

Nach sechs Stunden Dreh habe ich wieder ein paar Glamoursätze gesammelt, die ich aufsagen kann, als ich spät abends in Zwickau durch das Tatort-artige Waldviertel am Hotel Park Eckersbach spaziere und nach einem ca. fünf Kilometer langen Gespräch mit meiner Süßen noch einen Kilometer Mutter dran hänge. “Bosse war beim Drehen seit 48 Stunden wach”, erzähle ich ihr und obschon sie in ihrem Leben beeindruckend viel gearbeitet hat, machen solche Sätze aus dem Showbusiness doch immer was her. Ich sage so was auch, um zu vermitteln, dass das, was wir so machen, Arbeit ist. Es ist wunderbar und anstrengend, zu drehen, zu schreiben, 289 Kilometer Auto zu fahren, wieder zu schreiben. Man durchläuft spätestens auf der Autobahn Gefühlstäler und sieht das halbe Leben in Dias vor sich. Man wird tief melancholisch, wenn man in einem so fernen, abgelegenen Familienhotel spät abends noch einen Auflauf bestellt und vor der dunkel hölzernen Theke steht, auf der in einem Ständer kleine Schnäpse in Lederlaschen eingespannt sind. Morgen werde ich das Hotel wechseln und abends in der Stadtbibliothek lesen. Zum Auflauf schlägt Reich-Ranicki im Fernsehen das Fernsehen in Stücke und bekommt dafür Standing Ovations. Es ist, wie es ist, denke ich mir. Ob es gut ist? Ich weiß es nicht.

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