Tourtagebuch Reloaded – 13.10.2008 Zwickau, Stadtbibliothek

Touren ist anstrengend. Ich weiß, es klingt dekadent. “Der Sack!”, denken jetzt alle, “anstrengend ist es, bei 30 Grad im Schatten Dachpappe zu verlegen. Hochstromelektriker haben einen anstrengenden Job oder Streckenwarte auf der Autobahn, die fünf Zentimeter neben mit 320 km/h vorbei rasenden Porsche stehen. Klärwerktaucher leben anstrengend. Das stimmt auch. Touren ist dennoch anstrengend. Für mich. Es ist ein ständiger Kampf um das physische und psychische Gleichgewicht. Physisch bedroht mich ständig die Ansteckung. Beim Dreh in Berlin, beim Aufbau in der Stadtbibliothek, in der Stadt, im Hotelzimmer. Menschen schnäuzen die Nase, Menschen waren “bis gestern” erkältet und “haben jetzt aber nichts mehr”. Vormieter im Hotelzimmer haben mit ihren Fingern erst in ihren schweißigen Schritt und an die Fernbedienung gegriffen, wo die Bakterien nun zum dritten Album von Six Feet Under headbangen. Psychisch bedroht mich mein eigener Anspruch, vor und nach den Auftritten ganze Romane zu verfassen, alle offenen Mails zu beantworten, Recherchebücher zu lesen und trotz der fremden Orte und Hotelzimmer all meine Wohlfühlrituale durchführen zu wollen. Ich kämpfe um Ordnung. Im Koffer, im Computer, im Kopf. Dazu die wechselnden Orte, das Fahren, die Suche nach einem Internetzugang mit meinem Rechner, weil Menschen wie ich einfach nicht drei Tage offline bleiben können, ohne beruflich ans Ende der Kolonne zu geraten und in den Graben zu fallen. Im “Coffee & Co” neben Zwickaus Dom am Hauptmarkt der schönen, von alten Häusern geprägten Altstadt hockt eine Frau neben mir am zweiten Internet-Terminal und führt in aller Öffentlichkeit ein Telefonat mit ihrem jungen Gatten, das klingt, als wäre es einer Soap entsprungen, in welcher sie die coole Karrieretussi darstellt. Die eiskalte Juniorchefin, deren Mann ihr nicht ansatzweise das Wasser reichen kann und seit Jahren um ihren Respekt kämpft. Das Gespräch, das man sich durchgängig in einem klar intonierten, schwungvoll affektierten Tonfall vorstellen muss und von dem ich ja nur ihre Aussagen höre, geht so:

“Ja, das können wir so machen. Dann gehen wir beide arbeiten, ich mache nur halbtags und alles in allem verdienen wir dann eben die Hälfte. Nehmen wir eben eine Mietwohnung.”
(…)
“Wenn ich arbeiten gehe, verdiene ich mindestens doppelt so viel wie du. Das ist Fakt.”
(…)
“Ja, das könnte dir so passen, was? Ich arbeite 18 Stunden am Tag und du kannst schön mit dem Kleinen Fußball spielen gehen.”
(…)
“Das wolltest du doch immer, ich arbeite und du passt auf die Kinder auf.”
(…)
“Ach, jetzt auf einmal doch nicht, oder was?”
(…)
“Ich muss jetzt Schluss machen, ich schreibe hier nur Scheiße in die Mails, weil du mich so ablenkst.”
(…)
“Du glaubst doch wohl nicht, dass wir uns heute noch mal sprechen? Wir telefonieren übermorgen wieder.”
(…)
“Das ist ein Kracher. Das ist die Höhe, was du jetzt gesagt hast. Ja, was du eben gesagt hast. Das ist die Höhe.”
(…)
“Ich schreibe hier so einen Mist, weil ich dich am Telefon habe, das glaubst du gar nicht.”

Unnötig zu sagen, dass es keine echte Verabschiedung, kein Bussi Bussi und kein Miu Miu gibt. Beduselt von so viel Harmonie gehe ich in die Stadtbibliothek, erbete mir dort einen Computer im Büro und arbeite, bis es am Abend losgeht. Die Veranstalter haben eine liebevolle kleine Kulisse mit Renovierutensilien aufgebaut und das Publikum im Lesesaal der Bibliothek ist so gemischt, dass im Grunde zwei Dutzend verschiedene Zielgruppen da sitzen. Ein Paar mit vermuteter Heavy-Metal und Germanen-Sympathie, das sich vor Lachen völlig wegschmeißt. Zwei alte Damen, die einfach Kultur sehen wollen und die mein Vortrag ebenfalls sehr erheitert. Ein Mann, der sich bei vielen freien Plätzen exakt in der ersten Reihe vor mich hin setzt und sich nach der Show mit Silberfilzer auf einem in Hochglanz ausgedruckten Pressefoto meinerseits ein Autogramm geben lässt. Der kleine Auszug aus MURP! setzt dem Fass am Ende eine echt rockende Krone auf. Zurück im Zimmer des alten Brauhauses, in dem ich heute wohne, stehe ich wieder vor der Mauer aus Ansprüchen an mich selbst, was ich bis zum nächsten Morgen noch alles tun und schaffen könnte. Ein Schuss aus der Silberkugelkanone der Geisterjäger von “Supernatural” auf Pro7 zerbläst die Mauer in tausend Stücke.

Am nächsten Vormittag habe ich einen Termin in Leipzig, bevor es von dort aus in die Heimat geht. Von Zwickau nach Leipzig fährt man gen Norden über Landstraßen hinauf, aber egal, welchen Weg ich wähle: Alle kleinen Straßen sind irgendwann abgesperrt. Alle! Währenddessen liegt ein Grauschleier über der ganzen verfallenen Provinz und von überall her sehe ich kleine bis große Feuer und Brandherde. Das ist kein Traum! Keine Phantasie! Auf einer Bergkuppe scheint eine Fabrik zu brennen, in halb verrotteten Gärten und Höfen zünden Bauern große Feuer an und verbrennen Reste von Holz, Schrott und Reifen. Gelbe Wolken steigen in die Luft, als wäre die ostdeutsche Provinz voller Geysire. Was ist hier los? Durchfahrt nur bis Bahnlinie. Die Bahnlinie demontiert, keine Weiterfahrmöglichkeit, ein altes Schaffnerhäusschen mit Blumenkästen in den Fenstern, ein Sportplatz, Sackgasse, Endstation. Seltsame Landvermesser hier, gruselige Bauarbeiter dort. In den Nachrichten sagen sie, im Hauptbahnhof Leipzig sei heute Morgen ein Nachtexpress eingefahren, an dessen Spitze eine Leiche klebte, die der Zugführer nicht bemerkt hat. Ist deswegen die ganze Provinz 50 Quadratkilometer weit um Leipzig abgesperrt? Lenken Sie mit der Nachricht ab, weil sie nicht zugeben dürfen, dass eine Giftfabrik brennt? Ich betone: Das ist kein Traum!

Nach zwei Stunden Suche für wenige Kilometer finde ich einen Weg hindurch, fahre nach Leipzig-Engelsdorf und gehe zu Fuß durch diesen verlassenen Ortsteil, bis ich meinen Termin wahrnehme und einem freundlichen älteren Rocker eine Kommode von eBay abkaufe. Ich bringe ihn in den nächsten Ort, weil hier selten Busse fahren und Wegelagerer ihn sonst plündern und ihm die Buttons abziehen könnten. Er erzählt, dass sein älterer Bruder 1968 mit nur 17 Jahren für knappe zwei Jahre ins Gefängnis musste, weil er westliche Musik hörte, lange Haare und Jeans trug und Rockgitarre spielte. Die Volkspolizei hatte damals das Recht, auf offener Straße die Jeans auszuziehen und die Haare abzuschneiden. Wer sich wehrte, ging in Haft. Heute spielt die halbe Familie des Mannes in Rock-, Blues- und Metalbands und verehrt die Allman Brothers ebensosehr wie Annihilator. Damals gab es dafür zwei Jahre Gefängnis. Zwei Jahre! Eine derart kategorische, hasserfüllte Abneigung gegen lauten, breitbeinigen Rock’n'Roll als ideologisches Instrument des westlichen Kapitalismus findet man heute nur noch in linksintellektuellen Plattenrezensionen. Es war halt, wie es war. Ob es gut war? Nein, war es nicht.

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