Tourtagebuch Reloaded – 23.10.2008 Lünen, LÜKAZ

Vor der Tür des Kultur- und Aktionszentrums Lünen stehen Burkhard und Petra. Es ist schon dunkel und ich komme zu spät, weil der sehr ansehnliche Club recht versteckt liegt. Ich freue mich, meinen tapferen Begleiter des Wundlaufs 2007 wiederzusehen. Wir sind uns durch die gemeinsame Extremerfahrung von knapp 300 Tagen Barfußwandelung letzten Sommer recht nahe gekommen, haben uns aber in der Zwischenzeit kaum gesehen. Wie das eben so ist. Im “Backstage” – einem Zimmer im ersten Stock mit gut gefülltem Brettspieleregal und kleinem Buffet für den Künstler und seine Gäste – berichten die beiden von ihrem neuesten Lebensplan, ein Landhotel in Dresden zu übernehmen und speziell für Biker auszubauen, weil sie als solche wissen, dass kaum eine Herberge deren Bedürfnisse erfüllt. Kleinigkeiten machen den Unterschied, stabile Kleiderbügel für schwere Lederjacken zum Beispiel oder ausreichend Platz, um den eigenen Feuerstuhl in aller Ruhe reparieren zu können. Ferner sollen dort Konzerte und Lesungen stattfinden, ein gewisser Herr Uschmann wird dann voraussichtlich den Auftakt machen. Ich mampfe 15 Brötchen, während die beiden erzählen und lobe das Projekt außerordentlich, vor allem in Zeiten der Finanzkrise. Da ist es schlau, sich eigenen Grund und Boden anzuschaffen. Meine Bühne im Erdgeschoss ist heute sehr groß, die Leinwand riesig und der Sound der P.A. ist satt. Das ist gut, denn heute zeige ich zum ersten Mal als Intro das Video zu “Wie wir zu leben haben”. Es rockt das Publikum unheimlich, Ohren und Augen stehen offen. Das freut mich. Die Show ist eine Mixtur aus Wandelgermanen (mein letztes offizielles Fußbad, schnüff!), alten Stories und Auszügen aus MURP!, die ich heute das erste Mal am lebendigen Publikum teste. Sie kommen an. Und wie sie ankommen. Die Zuhörer und Innen schmeißen sich noch lautstarker weg als ich es sonst gewohnt bin, und es bestätigt sich, was ich vermutet und gehofft habe. MURP! trifft ein Dutzend Nerven und erzeugt pro Seite vier bis fünf “so ist es, endlich sagt es mal jemand!”-Effekte. Dieses live zu erleben und in den Gesichtern der Leute bestätigt zu sehen, ist durch nichts zu ersetzen. Nach der Show erzählt die Veranstalterin, wie neulich ein Schauspieler vom Improvisationstheater hier im LÜKAZ einen Workshop mit Hauptschülern machte, der es fertigbrachte, die rigiden Rollen der kleinen Machos aufzulösen und ihnen den Spaß am spontanen, übermütigen, kooperativen Schauspiel zu vermitteln. “Das”, so sagt sie, “war absolut murpig.” Damit ist es geschafft! “Murpig” wurde das erste Mal in einem treffenden Zusammenhang als Adjektiv in der gesprochenen Sprache genutzt. Ich bin gerührt und freue mich auf das, was da kommen wird…

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